Krakau 7. Oktober 2006
Posted by echtzeitmaerchen in gedacht, gefragt, gelebt, gereist.Tags: 45, Abschied, Architektur, Berlin, Drei Farben, Europa, Häuser, Heißer Sommer, Kieslowski, Krakow, Krieg, Kultur, Leipzig, Licht, Markt, Mittelalter, Osteuropa, Polen, Reisen, Sehnsucht, Sonne, Stadt, Steinhäuser, Uwe Timm, Vorkriegszeit, zurück
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Wieder da. Es geht mir großartig.
Krakau ist genau das, was mir in den letzten Wochen zu kultiviert war: Europäische Hochkultur.
Überraschend, daß Drei Farben: Weiß nicht in Krakau spielt, sondern in Warschau, wie sich gerade bei meiner Recherche festgestellt habe.
Krakau erinnert mich an Leipzig oder das Berlin kurz nach der Wände. Die Häuser sind alt und bewohnt: Die alten sind noch nicht verlassen für eine Sanierung. In all der alten Bausubstanz leben noch Menschen, und so sieht die Stadt aus: alt und bewohnt.
Im Krieg ist Krakau überraschend wenig zerstört worden. Das lag zum Teil an der Tatsache, daß dort nie eine Front verlief, aber auch daran, daß die Stadt auf die Deutschen „deutsch“ wirkte und sie sie deshalb nicht zerstören wollten.
Ist es also makaber, daß ich mich so an Leipzig und Berlin erinnert gefühlt habe und daß ich mir gewünscht habe, Polen und Deutschland wären ein Land – einfach, weil in Polen noch so viel Kultur lebt, die bei uns 45 mit allem anderen einfach abgeschnitten wurde.
Ich hatte eine Ahnung davon, wie kulturelles Leben in Deutschland vor dem großen Krieg ausgesehen haben könnte, und auch, wie dahinein eine Vorstellung von einem körperlichen Germanentum Fuß fassen konnte. Vielleicht mit ähnlichem Überdruß wie ich ihn vor ein, zwei Wochen gespürt habe? Mit Sehnsucht nach Sonne, Wald, Direktheit?
Jedenfalls ist bei uns allerhand abgebrochen im Jahr 45, nicht nur das Germanentum, sondern auch ein guter Teil dessen, was unsere Kultur war. Und wenn es nur der Abschied von großen Steinhäusern war.
In Heißer Sommer vermutet Uwe Timm , daß die sich die Deutschen mit der Flachdachplattenbaunachkriegsarchitektur selbst bestrafen wollten.
Es folgte ein Leben ohne Kinkerlitzchen und ohne die verschnörkelten Denkspiralen der Vorkriegszeit, die zu Dada geführt haben und zum Expressionismus.
In Krakau ist aber nicht nur viel aus dieser Zeit spürbar, sondern auch von einer der größten Handelsstädte des Mittelalters: Ein riesiger Marktplatz, der so gebaut ist, daß sich das Licht immer anders bricht.
Die Architektur und ihre gekonnte Verwendung und Umwandlung des Lichtes hat mich am meisten beeindruckt.
Daß Polen sehr freundlich, höflich und elegant sein können, wußte ich schon vorher.
Vorher kannte ich aber nur meine polnischen Freundinnen, nicht ihr Land, und ich war sehr beeindruckt. Außerdem hatte ich wiederum eine sehr nette Gruppe und tolle Gespräche und freue mich inzwischen richtig auf meine Zeit in München. Und sogar wieder aufs Studium. Und in dieser kurzen Wochen habe ich so viele Nachrichten und Anrufe auf meinem Mobiltelefon bekommen, wie ich sie den ganzen Monat zuvor nicht hatte.
Schön, wie du über Krakau schreibst! Dass sich so viel Altes erhalten hat, hängt meines Wissens mit der Rolle Krakaus als Hauptstadt des Generalgouverements zusammen. Ganz sicher bin ich mir aber nicht. Hans Frank, der Generalgouverneur hatte seinen Amtssitz auf dem Wawel. Krakau war oft Umsteigestation auf meinen Fahrten nach Przemysl und durch Südpolen. „Die Häuser sind alt und bewohnt …“, genau das ist es: Krakau ist kein Sanierungsfall – noch nicht.
„… Und wenn es nur der Abschied von großen Steinhäusern war.“ – Schön, sehr schön gesagt!