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Wir sind da. 5. September 2008

Posted by echtzeitmaerchen in Tagebuch, gelebt, gelesen, gereist, gesehen.
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Und die ersten Stunden hier wollte ich auch nie wieder weg.

So ungefähr ab dem ersten ungeplanten Aufenthalt, in Beograd, schlich sich dieser Gedanke in immer kleineren Abständen ein: Wenn ich da bin, verlasse ich Shumen nie wieder! Vermutlich werde ich das doch tun. Aber das liegt nicht daran, daß ie Reise angenehmer wurde, sondern daran, daß ich vergesse, wie es war. Bevor ich alles ganz vergessen habe: Berlin-Budapest ist eine sehr schöne Strecke in einem alten Schunkelzug mit alten Leuten, die zum Schunkeln nach Dresden fahren und dafür Wein im Zug trinken und danach angenehm viel Platz im Großraumabteil, weite Landschaft in endlos vielen Grüntönen vor dem Fenster und mehrfarbiger, kontinentaler Himmel über den Wiesen.

Budapest ist ein sehr schöner Bahnhof, etwa so wie Leipzig, nur etwas weniger neu, bei dem das Infromationsbüro mit den Tickets nur über Umwege erreichbar ist, sich dann aber sehr osteuropäisch charmant und recht sicher anfühlt. Nur leider gab es den durchgehenden Zug nach Sofija nicht, weil in Bulgarien nachts gebaut wird oder aus anderen Gründen. Darum fuhren wir nach Beograd. Ich hatte hysterisch viel Angst, in einem Land zu sein, wo noch bis vor Kurzem Krieg herrschte der sich unter anderem im grausamen Umgang mit Frauen niederschlug. Das ist nicht politisch korrekt von mir, aber ich hatte Angst. Erstaunlicherweise gibt es dort aber ein identisches Angebot in den Bäckereien wie in Ostjerusalem. Anders als in Ostjerusalem spricht am Infostand aber niemand deutsch oder englisch. Zum Glück fuhr der Zug aber genau von dem Gleis von dem er sollte, und wir landeten in einem Abteil mit einem Engländer. Ich schlief fast die ganze Zeit und wurde durchs Fenster in der prallen Sonne ungeheuer braun und blond, bis die Grenze kam. Das Triebwerk war kaputt und wurde ausgetauscht, nachdem sich die beiden Länder geeinigt hatten, wer dafür zuständig war, also nach einiger Zeit. Danach kontrollierten uns drei verschiedene serbische Passkontrolleure, ein Zollbeamter, zwei bulgarische Passkontrolleure und noch ein Zollbeamter. Zwischendurch, also zwischen den Uniformierten, versteckten einige Männer Berge von Zigaretten in der Oberverkelidung des Ganges, und eine Dame ein paar Stangen in unserem Abteil hinter unseren Rucksäcken. Nach der grenze entpuppte sie sich dann als viel schlanker als auf den ersten Blick angenommen: Während wir Brotzeit hielten, entkleidete sich ihres Unterrocks und ihrer diversen Unterhosen, Strapse und Strümpfe und schüttete einen Berg von Waren auf ihren Platz, darunter Strumpfhosen und Kravatten.

Daraufhin lernten wir den Engländer kennen, denn nachdem wir alles übersetzt hatten, was wir verstanden hatten, und uns ein bißchen über unsere Eindrücke über das emsige Geschehen um uns herum ausgetauscht hatten, waren wir doch so vertraut, uns mal nach unseren Namen zu fragen, und unserer Beschäftigung: Er war ein bißchen geheimniskrämerisch, und sagte erst nur, daß er an der Uni in der Forschung arbeitete, und erst beim zweiten Anlauf verriet er das Objekt seiner Forschung: Train issues in Eastern Europe. Ich dachte erst, er wäre kidding, aber er war ganz ernsthaft, und das erklärte auch die Notizen die er sich während der Fahrt gemacht hatte, wegen derer ich ihn eigentlich für einen Dichter gehalten hätte.

In Sofja waren wir zwei Stunden später als geplant (Triebwerksschaden, multiple Passkontrollen), und dort verkaufte uns die Frau am Schalter für einige Leva mehr als dann auf dem Fahrschein standen Karten nach Shumen. Wir fanden das Gleis schneller als in Budapest, auch wenn es nicht ausgeschildert war, und es wurde bereits dunkel. Die Kontrolleurin der Fahrscheine sagte uns, wir müßten um fünf aus dem Zug, und das ist wichtig zu wissen, denn die Bahnhöfe sind nachts nicht beleuchtet und ohne die Uhzeit weiß man nicht, wo man aussteigen muß.

Die Uhrzeit war jedenfalls falsch, und um vier wurden wir in Kaspichan aus dem Zug geworfen, wir mußten beide an Darjeeling Limited denken, und leider blieben dabei (es war auch im Zug dunkel) unsere Wasserflasche und Elizabeth Costello liegen, um das ich noch trauere und hoffe, daß es nicht irgendwo als Untersetzer für einen wackelnden Tisch verwendet wird.

Ich wollte schon anfangen, mich in der Wartehalle einzurichten, und Kirillow von Andreas Maier zu lesen, denn in Kaspichan gibt es natürlich kein Taxi um die Zeit, da gelang es L, ein Taxi aus Shumen zu erreichen, und um fünf waren wir in ihrer Wohnung hier, und hier ist es wunderschön. Ich schwebe seit dem wie auf Wolken und finde alles paradiesisch. Aber dazu ein andermal, falls überhaupt jemand bis hierher durchgehalten hat, denn fremde Reisebeschreibung sind ja selten mehr als ermüdend. Vielleicht dann auch noch etwas über Bulgarien im Allgemeinen, die Uni hier und den Rest des Sommers :-) – ich weiß, dieses Blog war siech. Aber es ist Sommer!

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