München leuchtete. 6. Juni 2009
Posted by echtzeitmaerchen in München, gefragt, gelesen, gesehen, im Regal.Tags: überteuerte Kaffeeläden, Deutschlektüre, Fingerübung, Gladis Dei, gothic, Heißer Sommer, Hieronymus, Himmel, Kunstbanausen, Kunsthandel, Kutte, Lichter, LMU, Ludwigskirche, Mönch, München, Mittelalter, MVG, nachtblau, Novelle, Satz, Schellingstraße, Schwabing, Studenten, Thomas Mann, Tram, Uwe Timm
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Dieser Satz prangt unter der MVG-Werbung (MVG ist das Münchner Äquivalent zur BVG). Nein, dort steht er im Präsens: München leuchtet. Und passt zum Plakat, denn darauf ist ein nachtblaues München zu sehen das über einem Meer von Lichtern zu liegen scheint und in den ebenfalls blauen Himmel reflektiert.
Dies ist ein Zitat aus der Thomas-Mann-Novelle (Novelle? Immerhin fehlt die unerhörte Begebenheit. Allerdings gibt es ein Dingsymbol) Gladis Dei. Deren erster Satz: München leuchtete. Vielleicht müsste ich die Novelle erst in Deutschstundenmanier interpretieren, aber sie gefiel mir als Ganzes nicht einen Bruchteil so sehr wie ihr erster Satz.
Eine Mönchsgestalt, die immer wieder ihren Mantel (der sofort eine Kutte zu sein scheint) vor der Brust zusammenzieht, schleicht die Schellingsstraße hinunter, Richtung Ludwigskirche – diesen Weg ging ich im Winter fast täglich, denn meine Tram hält in der Schellingstraße/Ecke Barer Straße, und um zum Geisteswissenschaftlergebäude der LMU, der schon in Uwe Timms Heißer Sommer zu Ruhm gekommenen Schellingstraße 3 zu kommen, läuft man direkt auf die Lugwigkirche zu, und als ich die ersten Male dort lang ging, frisch in München, musste ich schlucken über die unbekümmerten Studenten vor überteuerten Kaffeeläden, eine Welt wie sie an den Starnberger See oder in Faserland von Kracht passt, aber in der kein Funken Mittelalterdüsternis passt wie ihn Thomas Manns Hieronymus-Gestalt fühlt.
Zuerst dachte ich, die Novelle würde diese Diskrepanz als ironischen Bruch vermerken. Sie scheint aber überhaupt nicht ironisch zu sein. Sondern soll unheimlich sein, gothic, könnte man sagen, wenn das auch sicher außerhalb TMs Wortschatz wäre. Es treten weiter auf: Ein paar busenfixierte Kunstbanausen in einem Museum, die sich von den Reizen einer Madonnendarstellung angezogen fühlen, und ein antisemitisch gezeichneter jüdischer Kunsthändler, dem es um nichts anderes geht als Verkaufen und billige Verkaufsstrategien. Oder ist da doch etwas ironisch? Menschen, die Ihr das im Deutschunterricht behandelt habt, helft mir! Ansonsten fand ich alles zu sehr in sich passend und in sich konstruiert geschachtelt um von außen (und ich bin, trotz Münchner Erstwohnsitz, Außenstehende) interessant zu sein. Eine Fingerübung, um eine Atmosphäre zu erschaffen? Um die Kluft zwischen Religiosität und Kunst zu untersuchen? Ich bin religiös, und diese Sicht der Problematik scheint mir historisch. Sagt man nicht, Thomas Mann wäre zeitlos? Lag er einmal neben seinem Standard? Oder reicht der eine erste Satz, um diese Novelle zu rehabilitieren? Sie ist nicht schlecht, nur auch nicht interessant, finde ich.
Aber der erste Satz hätte erfunden werden müssen, wenn es ihn nicht schon gäbe. Ob im Imperfekt oder im Präsens. Er ist so stark, daß ich ihn,bevor ich von Gladis Dei von der MVG-Werbung als Untertitel für meinen Blog übernommen habe.

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