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10. Oktober 2009

Posted by echtzeitmaerchen in gedacht, gefragt.
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Wird er ein Stalker? Er hat die Stimme.

Es macht mich traurig, ihm weh zu tun.

ein geschenkter Tag 7. Oktober 2009

Posted by echtzeitmaerchen in Berlin, gedacht, gefragt, gehört, gelebt, gelesen, gereist, geschrieben.
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- ich habe den Zug verpasst. niemand weiß, daß ich noch hier bin. Es war sehr warm hier, trotzdem war ich nicht mit Freunden unterwegs, auch wenn es schön gewesen wäre, wie die letzten Tage. Trotzdem ist es wunderbar, einen Tag allein zu sein, nach den letzten zwei vollen, guten, aber überfüllten Wochen. Traurig ist, daß meine Eltern aber nicht mit mir reden, für sie bin ich schon abgreist, in ihrem Plan ist kein Platz für mich, nicht mal Essen ist da, da ich „nicht eingeplant“ bin.

Sie sitzen in ihren Arbeitszimmern, ich in meinem Bett, lese das Ende von „Adam und Evelyn“, das seit der Zugfahrt hierher auf der ich den Großteil des Buches gelesen habe, auf mich wartet, und höre Podcasts nach. Und lasse mich nachkommen. 

Um morgen früh dann zu fahren, in ein anderes Land. In eine andere Stadt, in der die Luft anders zwischen den Häusern hängt, in der es nicht so früh dunkel wird, in der meine Dinge einen Platz haben -weniger Spontaneität, weniger Improvisieren, weniger Loslaufen mit dem was sich gerade ergibt und grade da ist.

Auf einmal rastet eine Sicherheit in mir ein, daß es nicht der falsche Lebensweg ist, daß mein Leben zu mir paßt, auch, daß ich noch studiere, noch nicht fertig promoviert in einem Büro sitze, noch kein Kind habe und noch nicht weiß, wo ich in zehn Jahren leben werde. Ich finde das noch immer schön, aber ich fühle mich nicht, zumindest gerade nicht, schlecht, daß es bei mir nicht so ist. Es ist okay, und anders wäre es das vielleicht nicht, nicht für mich. 

Ich habe sogar langsam wieder Lust auf emails zu antworten, auf persönliche, Fragen zu beantworten, über mich zu reden, nicht nur über Sachliches zu reden. Auch wenn ich nach wie vor das Gefühl habe, daß es da nicht viel zu erzählen gibt. Nicht viel über die letzten drei Jahre. Aber doch, wenn ich die Dinge über einen längeren Zeitraum betrachte, dann ist da ein wenig Erzählmaterial. Nur ein wenig. Die email einer Freundin hat mich daran erinnert, daß Freundschaften das brauchen was ich in letzter Zeit so wenig zu geben bereit war. Sie schrieb:

ja, war schön gestern. mir is nur aufgefallen, dass ich kaum dazu komme, dich etwas zu fragen. erstens, weil du soviel fragst, zweitens weil ich ja auch gerne antworte, drittens weil ich bestimmt auch gerade sehr mit mir (…) beschäftigt bin. ich will eigentlich vor allem mal wissen wie es …

Nein, ich habe da noch nicht drauf geantwortet. Aber ich freue mich darauf, und ich habe mich über die Fragen gefreut und den Gedanken, daß sie sich das gefragt hat und dann geschrieben hat …

Das ist neu und schön, also daß ich mich darüber freue. Es kommt mir vor als sei das die Basis für wieder mehr auch persönlichen Kontakt, nicht mehr nur Dinge unternehmen und Kultur und Politik bereden und ab und zu etwas Persönliches Erzählen. Gespräch erscheint mir gerade überhaupt soviel schöner als Erzählen, sicher, weil ich Erzählen auch in den letzten Monaten schon hatte, aber weniger Gespräch. Eher Diskussionen. Und es ist immer scön, mit Menschen Kontakt zu haben, die ich schon lange kennen. Die Leute die ich hier hauptsächlich gesehen habe, sind meine Freunde seit 1990, 1995, 1996 und 2001. Vielleicht denke ich auch gerade deshalb darüber nach, was zu mir paßt, weil ich mich mit diesen Freunden an die Sachen erinnere, die ich immer schon war, die sich nicht verändert haben, auch wenn ich nicht mit ihnen darüber rede (dann natürlich auch), weil es sich so anfühlt. 

Besonders das Treffen mit J, mit der ich in diesen merkwürdigen Jahren befreundet war, als ich mich strampelnd in diesem Westdeutschland zurechtzufinden suchte und herauszufinden versuchte warum das alles so ganz anders war und ich es nicht einmal verstehen konnte, war wichtig. Sie ist inzwischen auch bei den Grünen. Und endlich geoutet. Und war damals in mich verliebt, was wir beide damals nicht wußten. Ich, weil ich ihre Steifheit nicht deuten konnte, sie, weil sie das Gefühl nicht kannte. Ich habe sie zum Bahnhof gebracht, und als ich ihr in den Zug meine Hand nachgereicht habe, hat sie sie lange nicht losgelassen. 

kurz – 21. September 2009

Posted by echtzeitmaerchen in Tagebuch, gedacht, gefragt, gehört, gelebt, gelesen, gereist, geschrieben.
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Eigentlich war ich immer sehr unzufrieden mit den letzten Artikeln und dachte immer, wer die liest, löscht sofort mein Blog aus dem Feedreader. Belanglos. Vielleicht noch verbrämt. So hat sich zumindest auch mein Leben angefühlt. Und, im guten Sinne, nicht blogbar. Als ob das was aufgeschrieben ist nicht das Wichtige ist. Das ist es vermutlich nie. Aber das Aufschreiben war wichtig für mich. Im Laufe des Schreibens stellte sich ein Zusammenhang her, jedenfalls in meinem Gefühl, und es war mehr da, was ich erlebt hatte als was ich nicht erzählt habe.

Dieses Gefühl hatte ich bei den letzen Einträgen nicht, hatte ich vor allem, wären mein Rechner kaputt war, hier im Computerraum nicht, auch wenn ich hier gerade gut schreiben kann und es auch vorhin gut konnte. Mein Leben fühlte sich so aufgeklöst an wie Zuckerwatte die vom Stab fällt, und ich wußte nicht einmal, ob ich der Stab war und aus welcher Perspektive ich hätte schreiben sollen. Das habe ich natürlich nicht geschrieben. Ich habe Überbrückungsposts geschrieben, um etwas zu schreiben, das, wozu man sich beim bloggen und überhaupt von einem Blog nie verleiten lassen sollte.

Warum ich im Nachhinein über diese beiden Posts doch so froh bin, auch wenn sie ein wenig gestelzt formuliert sind (in dem Versuch, meinem alten Schreiben, wenn schon nicht durch die Klarheit der Gedanken, dann doch durch eine versucte Klärung der Worte nahe zu kommen – ich habe also das nachgemacht was mir immer so viel bedeutet hat), weiß ich nicht, aber ich mag sie, sie berühren mich, das war mein Sommer, und ich bin unglücklich darüber, das über die ganze andere Zeit dieses bewegten, an Ereignissen, Gefühlen, Verwirrungen, Sommers, da nicht steht. Als wäre er nicht da. Nicht einmal erinnern kann ich mich, wer gesagt hat, ich sähe aus wie Effi Briest.

Es scheint die Sonne. 21. September 2009

Posted by echtzeitmaerchen in Tagebuch, gedacht, gefragt, gelebt, gelesen, geträumt.
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Gestern hätte mein Eintrag mit den Worten“Sonntag. Herbstag. Heller Himmel“ begonnen, vielleicht hätte er auch daraus bestanden. Vielleicht hat er daraus bestanden, ich habe ihn nur nicht geschrieben.

Eine gelbe Hose, die ich letzte Jahr in Istanbul gekauft hatte, fiel mir beim Endsommerneufalten meiner Kommode in die Hände, ich hatte sie den ganzen Sommer nicht an. Sommer ist nicht mehr, nur bayerischer Herbst, was temperaturmäßig nicht viel Unterschied macht, darum trage ich sie heute und schwitze erstmals nicht seit ich die Herbströcke und Strumpfhosen wieder aktiviert habe. Die Woche war fein und fast zu schön, gestern kamen mir Zweifel, ob das Leben so schön sein könne, ob ich damit Erfolg haben könnte, ob ich so weitermachen kann. Ich habe eine Feier gemacht, mit Torte und Kuchen und Suppe und vielen Leuten in meinem Raum, vierzehn Leute in meinen 16 Quadratmetern in denen noch Herd und Spüle stehen, ein großes Bett, zum Glück kein Schrank, aber raumgreifende Bücherstapel und eine Kiste voll von ZEITresten. Und eine Gebetsecke. Es war warm, es gab Kerzenlicht, es war gar kein Stress, irgendjemand hat immer Tee oder Kaffee gekocht oder die Tür aufgemacht, und am Ende blieb als längstes A, wieder auf meinem Bett sitzend, und erkannte aus der Musik die im Hintergrund lief die Einzellieder, die ich ihn auf ein Mixtape gemacht habe. Der Wein den wir tranken war leider furchtbar schlecht, vielleicht koche ich eine Bolognese, um ihn unterzubringen, oder ich gieße ihn doch weg, in der Hoffnung, daß der vorhandene Alkohol meine Spüle desinfiziert. Wir haben mein gesamtes Geschirr benutzt und Besteck, am Mittwoch hatte ich weder Tasse noch Glas noch Gabel noch Löffel noch Teller für mein Frühstück. Weil der Boiler immer nur so wenig Wasser erhitzt und man nicht lang abwaschen kann, bis das warme Wasser aus ist, habe ich noch bis Freitag gespült, die Spritztülle für die Torte, den Suppenpüriertstab, die Schüsseln, Schälchen, Tassen, nur eine Springform liegt immer noch in der Spüle. Hui, soviele große S in einem Satz- vielleicht ist S ein Küchen-Konsonant.

Ich habe gerade meinen Stundenplan angefangen zu bauen. Ich bin hoffnungslos hinter der Zeit der BA- und Online-Studenten: Ich habe mir die Lehrveranstaltungen, die mich interessieren mit Bleistift auf ein großes weißes Blatt abgeschrieben, unterteilt in fünf Spalten mit einem Kasten für die Blockveranstaltung in der unteren rechten Ecke. Es ist völlig voll und zeigt mir mal wieder, warum und wie ich schon so lange studiert habe. Ich bin immer klüger geworden, ich habe nur nicht die Scheine gemacht, die ich hätte machen sollen, die das Unisystem für relevant erachtet, ich habe immer viel Neues gelernt. Vielleicht helfen mir W und M, die ich gleich treffe, beim Rausstreichen von wenig erfolgversprechenden Dozenten.

Ich lese immer noch „das verborgene Wort“ von Ulla Hahn, ich finde es nicht mehr literarisch überragend, aber höchst spannend, und ich will wissen, wie es mit den Personen weitergeht, stirbt Maria? Vorerst wachsen ihre Haare wieder nach. Noch sind es 200 Seiten von 600 bis zum Ende. Beid den Korrekturen von Franzen habe ich das im März in drei Tagen gelesen – im Moment bin ich einfach glücklich. Ich liege auf dem Bett und freue mich. Ich treffe meine Freunde und freue mich. Ich trinke Ayran und freue mich. Ich verzehre die Sonne mit dem Appetit des kobaltblauen Meeres und freue mich. Ich verteile bunte Farben auf meinen Augenlidern, ich bürste meine Haare, ich sortiere meine Sachen, ich trinke schwarzen Tee mit Milch, ich mache Wahlkampf und freue mich.

Warte nur, dir wird das Lachen schon vergehen? Ist die große Unke die hinter so viel Glück steht. Nicht meine vertrauteste Übung. Und es lauert auch schon wieder eine Woche Berlin, wie wird die werden?

Letztes Wochenende, Dichterfest in Erlangen, Notizen 4. September 2009

Posted by echtzeitmaerchen in Tagebuch, gedacht, gefragt, gehört, gelebt, gelesen, gereist, geschrieben, gesehen, im Regal.
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So vieles ist passiert, über das ich schreiben wollte. Aber wenn ich am Computer sitze, überfaäät mich nur die Lähmung, die eintritt, wenn ich kurz Ruhe hhabe in diesen übervollen Tagen. Da war das Dichterfest in Erlangen am Wochenende, von dem ich mir ein paar Sätze aufgeschrieben habe, in mein Notuizbuch, während die Sonne schien und ich zuhörte.

Ich glaube, ich liebe Lyrik, weil einem keiner sagt, was man denken soll.

„Supersätze“

„Nie sagte er Deutschland, sondern imer Europa oder Frankfurt.“

ich mag den harten Ansatz wenn die Stimme vom Englischen ins Deutsche wechselt – Bas Böttcher – Monika Rink

„die harten näckigen Quitten“ (Monika Rink)

„Konferenzgetränke in sortierten Miniflaschen“

„Robert de Niro der deutschen Literatur“ (über Thomas Glavinic)

„Seit Kafka ist wieder alles erlaubt. Kafka hat uns gezeigt, man kann auch anders schreiben.“ (Thomas Glavinic)

„Die Wirklichkeit bietet immer Alternativen an, sie anders zu erzählen“ (Brigitte Kronauer)

nachlesen: Das Wort ‘verbrämen’

Diesmal waren es nicht ferne Länder, sondern viele Menschen, mein Sommer.

„Weder im Guten noch im Bad“ (Uljana Wolf)

„Wir dachten ja, Liebe sei nichts anderes als Julklapp“ (auch sie).

noch ein neuer Artikel. 1. September 2009

Posted by echtzeitmaerchen in München, Tagebuch, gedacht, gefragt, gehört, gelebt.
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Nach dem Eisessen. Leben in München. Bibliotheken prägen mein Leben, außerdem die über die Stadt verteilten Orte, an denen Eis erhältlich ist. Außerdem die über die Stadt sich verteilenden Menschen, die mir etwas bedeuten.

Wie seltsam, welche Rolle Gespräche für das Entstehen von Nähe bedeuten. Ein Wissen, daß ich, unformuliert, bestimmt als Teenager schon hatte, wie alle Teenager, die stundenlang telefonieren.

Ich habe so viel vergessen. Ich hatte ein rasend gutes Gedächtnis für alles, bis ich 23 war, ich konnte mir jedes Detail merken. Seit dem ist vieles immer wieder neu für mich daß ich irgendwann schon mal kannte oder wußte. Kennen und wissen ist aber ohnehin jedesmal anders, wenn man sich wieder ein wenig verändert hat.

So spreche ich, erzähle, höre zu, merke mir, was ich höre, frage, lache, weine, umarme.

anderer Tag, 9. August 2009

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neuer Tag, Sonntag. Bedeckter Himmel, der mich erleichtert, auch die Vögel sind so leise, daß sie gut hörbar sind. Endlich habe ich etwas mehr geschlafen, bin nicht wieder morgens früh von allein aufgewacht nach einer viel zu kurzen Nacht. Ich habe Liter um Liter Ayran getrunken, ich habe gestrickt, ich habe Hunger von Hamsun mehr überflogen als gelesen, bin von Wortgruppe zu Überschrift gehüpft. Noch nicht ausgepackt. Nur was ich gebraucht habe. Also doch fast alles, denn ich hatte nur so wenig mit, aber der Rucksack liegt noch da und erinnert mich an die Reise, der Kalender noch darin, den ich bis jetzt noch nicht verwendet habe. Ich weiß, was ich heute mache, auch die Sachen für gestern wurden per Kurzmitteilung geregelt, erst ab Montag, wenn die Woche der Bibliotheksöffnungszeiten, Geschäftsöffnungszeiten, Praxisöffnungszeiten wieder anfängt, brauche ich wieder Termine. Nicht, daß ich meinen Kalender nicht mag. Er ist auch eine Art Ereignistagebuch, die Treffen, Briefe, Telefonate der kalenderlosen Zeit trage ich immer nach, damit ich weiß, was war, nicht in der Erinnerung die Zeit zu einer leeren verschwimmt, wenn ich in einem Kalender blättere – auch wenn ich weiß, daß die ganz ereignisreichen Zeiten den Kalender immer leer lassen. Der Monat in Venezuela, in Carácas, in den Tropen beim Workcamp, in einer Gastfamilie die eine Kaffeefarm hatte, auch am Strand zuletzt in einem stillgelegten Wasserwerk voller Pflanzen und Bücher, war so ereignisreich, daß ich sie niemals hätte nachtragen können. Auch so ereignisreich für mich. Jede Woche hat mich so verändert, daß ich die nächste anders wahrgenommen habe, und in der Rückschau bleibt nur dieses Fazit, nicht mehr die einzelne unterschiedliche Wahrnehmung.

Es gab viel Sonne letzte Woche, bei Augsburg regnet es nicht so viel wie in München, die Berge sind weiter weg, meine Schultern sind noch dunkler geworden, meine Haare noch heller, meine Schultern ein bißchen entspannter vom Schwimmen im See, immer hin zur Insel und wieder zurück, das mir gar nicht langweilig wurde. Ich habe keine neuen Worte gelernt. Ich habe nichts aus einer anderen Sprache gelernt. Ich habe nicht versucht, mit den Italienern auf Spanisch, mit den Ungarn auf Finnisch, mit den Slowaken auf Deutsch zu reden – ich habe mich aufs Lächeln und Gestikulieren beschränkt. Ich habe nicht gelesen und kaum geschrieben (immer nur einzelne Sätze die ich mir unbedingt merken wollte, nicht von mir, sondern, die andere ausgesprochen hatten), aber ich habe viel vorgelesen, mit dem Mikrofon in der Hand, nicht unbedingt in Gedanken beim Text, sondern daran, möglichst schnell von der Bühne wieder runterzukommen, aber offenbar hat gerade diese meine Gedankenferne den Zuhörern eine große Nähe zum Text erlaubt.

Nähe sonst? Nicht wie ich sie kenne.Trotzdem vorhanden, auf eine mir unbekannte Art. Das beschäftigt mich ja noch so. Ich bleibe da noch.

Schneewittchen 29. Juli 2009

Posted by echtzeitmaerchen in München, gedacht, gefragt, gelesen, im Regal.
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Vor ein paar Tagen unterhielt ich mich mit jemandem über Schneewittchen. Ich wollte das Märchen noch einmal nachlesen. Wie viele Dinge mit denen man sich ablenkt, kam mir dieser Gedanke heute in der Bibliothek, inmitten meiner Althebräischen Bücher und Wörterbücher. Ich suchte im elektronischen Katalog über das Feld „freie Suche“ nach Schneewittchen und grenzte ein auf die Bibliothek in der ich mich befand. Ein Buch war gerade ausgeliehen, das andere von den beiden hatte eine Signatur im dritten Stock. Ich holte das Buch und machte erst einmal dort weiter wo ich aufgehört hatte: Exodus 12, der Auszug der Israeliten aus Ägypten, das letzte Pessach vor dem Auszug, die Regelungen für Nicht-Israeliten, die auch beim Auszug mit dabei waren, bei diesem Mahl.

Irgendwann fing ich doch an zu lesen. Um herauszufinden, was dieses merkwürdige Buch mit dem Begriff Schneewittchen zu tun haben könnte. Es heißt „Ich muß doch meinen Vater  lieben, oder?“ von (Matthias Kessler)  und besteht aus den Umschriften von Interviews der Tochter des Kommandanten von Plaszow (bei Krakow, das Krakower Ghetto wurde dorthin verlagert), Amon Göth, bekannt aus dem Film „Schindlers Liste„, wie das Vorblatt bemerkt, den ich nicht gesehen habe, selbst erst im November 45 geboren, die ihren Vater nie kennengelernt hat.

Ich saß da, in der Bibliothek, mit dem Blick auf die Leopoldstraße, und las das Leben dieser Frau, in Frage und Antwort, oft münchnerisch dialektal, ohne Unterbrechung, bis ich um kurz vor zehn, als die Bibliothek schloss, alles gelesen hatte bis auf die beiden Epiloge, je einer von Interviewer und Interviewter.

Frage und Antwort, Liebe und Schuld, am Anfang empörte mich die Naivität mit der die Antwortende Schuld zu relativieren sucht, bis sich mehr und mehr abzeichnet, daß sie die Schuld nicht ins Nichts abschiebt, sondern allein sich selbst gibt, und zwar alle Schuld, und hier bin ich schon bei dem außergewöhnlichen Leben angelangt: Die Mutter außergewöhnlich grausam, lässt beispielsweise die 20jährige wegen einer Nichtigkeit in die Psychatrie Haar einsperren, wo sie drei Monate verbringt, unter anderem wegen einer vorlauten Bemerkung in einer Zelle mit in die Haut einschneidender Zwangsjacke, nachdem die Interviewte, Monika, mit Lulu, einem Transvestiten Streit hatte, den die Mutter bei ihr im Zimmer einquartiert hatte und der dort längere Zeit lebte und eine engere Beziehung für die Mutter bedeutete als die Tochter – dies allein finde ich nicht schlimm, aber außergewöhnlich. Schlimm dagegen ist die erste Ehe von Monika. Da sie kein Dach mehr über dem Kopf hat (die Mutter hatte sie ausgesperrt), heiratet sie nach ein paar Nächten in Hauseingängen und auf Dachböden („wissen Sie, damals waren noch nicht alle Häuser abgesperrt“) einen Mann, der sie vergewaltigt, schlägt und auf den Strich schickt. In diesem Ton erzählt sie das: als hätte sie nichts besseres verdient.

Gerade die Beiläufigkeit, die mich aufregte, als es um die Schuld ihrer Eltern ging, macht mehr und mehr Sinn: Sie nimmt alle Schuld auf sich, sie hat in ihrem Leben so viel als Strafe empfunden, daß sie von daher relativiert. Sie findet als leidendes Kind all das in Ordnung, was die Mutter mit ihr macht, sie findet entschuldigende Worte für ihren ersten Ehemann, es ist, als mache ihr nichts mehr Angst als fremde Schuld, sie nimmt auch die Schuld für die Schläge ihres Mannes auf sich und wirkt dabei milde, großzügig, vergebend, sie scheint all das ernst zu meinen, die guten Worte die sie über alle verliert, und wenn ihr jemand wehgetan hat, wie der GI der als Kind mit ihr gepielt hat und dann weg war ohne sich zu verabschieden, dann sucht sie die Schuld bei sich.

Ich werde diesem Text und diesem Menschen nicht gerecht, ich möchte nur Werbung machen, dieses Buch zu lesen, nicht nur weil es sich schnell und zügig herunterlesen lässt, weil es mit einem Oscar-prämierten Film zu tun hat, weil es um wichtige Dinge geht, sondern weil so vieles darin scheinbar nebeneinander steht und dann doch sich zusammenfügt: Vom Winde verweht, immer wieder, die Sklaven, die auf Tara im Einklang mit der Herrenfamilie leben, so hätte sich Monika die Zustände im Lager ihres Vaters gewünscht,  ihr Vater sah Rhett Butler ähnlich, und ihre Mutter hatte zeitlebens nur zwei Traummänner, Amon Göth und Rhett Butler.

Die Vornamen der Eltern: Ruth und Amon, beides hebräisch, Amon der böse König der für das Babylonische Exil verantwortlich ist, Vater des überguten König Josija, dem sogar noch das fünfte Buch Mose im Tempel zufällig zufällt (eine Schriftrolle wird in seiner segensreichen Amtszeit gefunden).

Monika selbst ist aufgewachsen in Schwabing, in der Schwindstraße, keine 10 Minuten von meiner Uni entfernt, sie verbringt Zeit im Alten Simpel, am Hohenzollernplatz, sie geht in die Theatinerkirche, all das ganz beiläufig, aber all das in unmittelbarer Umgebung des Ortes wo ich saß und dieses Buch las. Und doch überraschte es mich, irgendwann zu lesen, daß sie eine Sekretariatsstelle an der Uni angenommen hatte und da lange Zeit arbeitete. Und als ich las, dass sie anfing, Althebräisch zuelernen, verschlug es mir das Räuspern, dort zwischen meinen Althebräischen Büchern.
Auch ihr Leben war voller Zufälle, zumindest kommt es mir so vor, aus der Perspektive von heute, daß sie einem befreundeten Kneipenwirth, für den sie heimlich schwärmt, beim Abwaschen beobachtent, und als sie untere seinen hochgerutschten Armen eine tätowirte Nummer sieht, nachfragt, in welchem Lager er gewesen sei, in Polen, aber wo ihn Polen? Ihre Mutter käme daher, sie habe sich mit KZs beschäftigt (langsam versucht sie dem nahe zu kommen, worüber ihre Mutter schweigt und ihre Oma lügt), vielleicht kenne sie den Ort, und als er „Plaszow“ ausspricht sagt sie, dann kanntest Du meinen Vater! -Wie heißt er? – Wie ich. Göth. – Nein, ich kenne keinen Göth. – Aber wie kannst du dagewesen sein und den Namen des Kommandanten nicht kennen? – Nein, der Kommandant hieß Gätt.

Der Wirt erstarrt, und Monika erklärt zusammenfassend, die Polen haben kein ö aussprechen können und hätten es als ä gesprochen. Weiter spricht sie mit den Besitzern des Babalou, wo sie sich als Bedienung bewirbt, die ebenfalls beide in Plaszow waren, ihr lange über den Kopf streicheln und sie nach Hause schicken ohne ihr etwas zu sagen. Im Amerikahaus, wo sie sich anmeldet, um etwas zu erfahren, findet sie hauptsächlich Sachen über Auschwitz.

Alles keine Entschuldigung, alles kein Grund, alles kein …

So viel Naivität, aber andererseits entblättert sich solch ein Leben, das sie fast als Antwort auf die Schuld ihres Vaters gelebt hat ohne es zu benennen, und das andererseits ohne Naivität vielleicht auch nicht aushaltbar ist.

Im neueröffneteten Babalou verbrachte ich vor zwei Jahren eine Sommernacht ohne von all dem zu wissen. Ich werde in die Schwindstraße gehen. Ich werde morgen die beiden Epiloge lesen. Und ich werde aufmerksam die alten Frauen in den Althebräischveranstaltungen beobachten. Und ein paar der teils doch unglaublich klugen Zitate hier reinstellen.

Ein total verkorkster Tag. 16. Juli 2009

Posted by echtzeitmaerchen in Tagebuch, gefragt, gelebt.
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Ich bin total unästhetisch gekleidet. Schließlich war heute Pack-Aktion, unser Lehrstuhl zieht um, und wir haben einen ganzen Bibliotheksraum in Kisten gepackt. Es ist Sommer der schlimmsten Sorte. Warm, daß es den Kreislauf zusammenhaut, einem schwindelt und man trotzdem oder deswegen nicht essen kann, das Essen aber braucht … so ein schlimmer Tag! Auch ein Ausflug auf den Südfriedhof und das dortige vielfältige Grün machte ihn nicht besser, nicht einmal der morgendliche Ayran. Ich sammle diesen Monat  jeden Tag einen guten Moment, aber dieser Tag schien keinen zu bergen. Dann aber nach dem Packen ein Gespräch mit einem Seit-Neuesten-Kollegen, der im Herbst ein halbes Jahr im Priesterseminar in Berlin war, vorher eine eigene Werbeagentur hatte, jetzt beschlossen hat, doch nicht Priester zu werden, sondern in München zu studieren, der Musik macht, schreibt, und ein Kinderbuch veröffentlicht hat. Und der Gespräche führt indem er jede Menge Fragen stellt. Auf einmal war ich wieder in meinem Leben drin als hätte ich es mir angezogen wie einen Rollkragenpullover. Es passte mir und ich konnte mich darin bewegen. Und reden. Und es ging um die wirklich wichtigen Themen: Was kann Literatur mit unserem Leben machen? Was können wir mit unserem Leben machen? Was wollen wir mit unserem Leben machen? Was bedeutet Glauben? Was bedeutet die Welt mit den Augen Gottes zu sehen? Was bedeutet Ebenbild Gottes zu sein? Was ist Leben?

Das war so weit weg von mir die letzten Tage: Leben. Und es ging mir so schlecht damit. Oder vielmehr da-ohne.

Schwarzblau 6. Juli 2009

Posted by echtzeitmaerchen in Tagebuch, gefragt, gelebt, gereist.
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Ein Abend. Ein Abend nach einem Tag. Es war ein langer Tag. Oder die Nacht zuvor war nur zu lang. Um zwei erst schlafen, sich vorher einige Stunden bei 130 km/h auf der Autobahn auf dem Motorrad anklammern, letztlich doch anzukommen ohne es bis zum Morgen recht glauben zu können, Gespräch, Uni, Einkaufen (Milch und Ayran), müde sein, ein aufgeregtes Herz haben, ein komischer Tag. Schreiben? Schreiben? Ich vermisse Topkapi. Ich vermisse L die ich am sonnenüberfluteten Rudolstädter Bahnhof verabschiedet habe. Sie zu sehen ist immer gut. Immergut.

Ich sortiere meine Lidschattenfarben, bunte Partikel an meinen Fingern, Glitzern um meine Augen, in meinen Augen.

Ein Abend, eine Nacht, ein Buch in meiner Hand, und die Hand auf dem Lichtschalter: Aus oder an?