jump to navigation

ein geschenkter Tag 7. Oktober 2009

Posted by echtzeitmaerchen in Berlin, gedacht, gefragt, gehört, gelebt, gelesen, gereist, geschrieben.
Tags: , , , , , , , , , , , ,
add a comment

- ich habe den Zug verpasst. niemand weiß, daß ich noch hier bin. Es war sehr warm hier, trotzdem war ich nicht mit Freunden unterwegs, auch wenn es schön gewesen wäre, wie die letzten Tage. Trotzdem ist es wunderbar, einen Tag allein zu sein, nach den letzten zwei vollen, guten, aber überfüllten Wochen. Traurig ist, daß meine Eltern aber nicht mit mir reden, für sie bin ich schon abgreist, in ihrem Plan ist kein Platz für mich, nicht mal Essen ist da, da ich „nicht eingeplant“ bin.

Sie sitzen in ihren Arbeitszimmern, ich in meinem Bett, lese das Ende von „Adam und Evelyn“, das seit der Zugfahrt hierher auf der ich den Großteil des Buches gelesen habe, auf mich wartet, und höre Podcasts nach. Und lasse mich nachkommen. 

Um morgen früh dann zu fahren, in ein anderes Land. In eine andere Stadt, in der die Luft anders zwischen den Häusern hängt, in der es nicht so früh dunkel wird, in der meine Dinge einen Platz haben -weniger Spontaneität, weniger Improvisieren, weniger Loslaufen mit dem was sich gerade ergibt und grade da ist.

Auf einmal rastet eine Sicherheit in mir ein, daß es nicht der falsche Lebensweg ist, daß mein Leben zu mir paßt, auch, daß ich noch studiere, noch nicht fertig promoviert in einem Büro sitze, noch kein Kind habe und noch nicht weiß, wo ich in zehn Jahren leben werde. Ich finde das noch immer schön, aber ich fühle mich nicht, zumindest gerade nicht, schlecht, daß es bei mir nicht so ist. Es ist okay, und anders wäre es das vielleicht nicht, nicht für mich. 

Ich habe sogar langsam wieder Lust auf emails zu antworten, auf persönliche, Fragen zu beantworten, über mich zu reden, nicht nur über Sachliches zu reden. Auch wenn ich nach wie vor das Gefühl habe, daß es da nicht viel zu erzählen gibt. Nicht viel über die letzten drei Jahre. Aber doch, wenn ich die Dinge über einen längeren Zeitraum betrachte, dann ist da ein wenig Erzählmaterial. Nur ein wenig. Die email einer Freundin hat mich daran erinnert, daß Freundschaften das brauchen was ich in letzter Zeit so wenig zu geben bereit war. Sie schrieb:

ja, war schön gestern. mir is nur aufgefallen, dass ich kaum dazu komme, dich etwas zu fragen. erstens, weil du soviel fragst, zweitens weil ich ja auch gerne antworte, drittens weil ich bestimmt auch gerade sehr mit mir (…) beschäftigt bin. ich will eigentlich vor allem mal wissen wie es …

Nein, ich habe da noch nicht drauf geantwortet. Aber ich freue mich darauf, und ich habe mich über die Fragen gefreut und den Gedanken, daß sie sich das gefragt hat und dann geschrieben hat …

Das ist neu und schön, also daß ich mich darüber freue. Es kommt mir vor als sei das die Basis für wieder mehr auch persönlichen Kontakt, nicht mehr nur Dinge unternehmen und Kultur und Politik bereden und ab und zu etwas Persönliches Erzählen. Gespräch erscheint mir gerade überhaupt soviel schöner als Erzählen, sicher, weil ich Erzählen auch in den letzten Monaten schon hatte, aber weniger Gespräch. Eher Diskussionen. Und es ist immer scön, mit Menschen Kontakt zu haben, die ich schon lange kennen. Die Leute die ich hier hauptsächlich gesehen habe, sind meine Freunde seit 1990, 1995, 1996 und 2001. Vielleicht denke ich auch gerade deshalb darüber nach, was zu mir paßt, weil ich mich mit diesen Freunden an die Sachen erinnere, die ich immer schon war, die sich nicht verändert haben, auch wenn ich nicht mit ihnen darüber rede (dann natürlich auch), weil es sich so anfühlt. 

Besonders das Treffen mit J, mit der ich in diesen merkwürdigen Jahren befreundet war, als ich mich strampelnd in diesem Westdeutschland zurechtzufinden suchte und herauszufinden versuchte warum das alles so ganz anders war und ich es nicht einmal verstehen konnte, war wichtig. Sie ist inzwischen auch bei den Grünen. Und endlich geoutet. Und war damals in mich verliebt, was wir beide damals nicht wußten. Ich, weil ich ihre Steifheit nicht deuten konnte, sie, weil sie das Gefühl nicht kannte. Ich habe sie zum Bahnhof gebracht, und als ich ihr in den Zug meine Hand nachgereicht habe, hat sie sie lange nicht losgelassen. 

Auf solche 6. Oktober 2009

Posted by echtzeitmaerchen in Berlin, Tagebuch, gedacht, gehört, gelebt, gelesen, gereist, geschrieben.
Tags: , , , , , , , , , , , ,
5 comments

Tage warte ich immer. Oder nicht? Jedenfalls kommt es mir an solchen Tagen so vor. Oder nur heute.

Das wichtigste in Kürze? Die verlorene Bundestagswahl, vier Jahre Schwarzgelb, mehr als nur ein Spiel verloren beim Wahlkampf: Das ist Realität. Die FDP hat bereits angekündigt, daß Sparpotenzial beispielsweise im Entwicklungshilfeetatbesteht. Am Wochenende das Seminar zu Entwicklungspolitik und immer wieder au die Frage, welche Rolle Deutschland spielen kann: Seit letzen Woche keine mehr, sagte der Referent von Ärzte ohne Grenzen, von terre des hommes, sagten die referierenden Professoren. Weiter Atomstrom, keine Verbesserungen für Asybewerber und Flüchtlinge, keine Politik für die Boatpeople, die massenhaft im Mittelmeer ertrinken und deren Knochen, Schuhe, Kleidung in den Fischernetzen hängen.

Seminar füllte das Wochenende, viele Fakten, wenig Didaktik, Begegnungen mit Männern, die mich schon länger verwirren, N und F, die beide überhaupt nicht am Seminar teilnahmen, die auch nicht da hingehörten, aber auftauchten und verschwanden. Ununterbrochen Worte, Vorträge, Diskussionen – ist das industrielle Zeitalter schon vorbei oder nicht? Ein  Gespräch über Afganistan mit einer Linken und einem neoliberalen Grünen. 

Worte, Aggressionen, Argumente, Kurzangebundetheit, und ich mittendrin, wenig Schlaf, viele Gedanken zu anderen Themen. 

Heute durch Berlin gelaufen und wieder gewusst warum ich hier glücklich bin: Weil ich hier nicht glücklich sein muß, weil ich hier so sein kann, was ich bin, etwas anderes ist gar nicht erfoderlich. Das Kind einer Freundin angeguckt, den Tag mit ihr und ihren beiden Männern verbracht, ein bißchen über Menschen geredet und ein bißchen über Bücher, dazwischen viel über Körper, dann P getroffen wie fast jede nTag wenn ich hier bin und wieder eines dieser ehrlichen Gespräche gefühlt in denen alles andere egal wird, im Bus nach Hause Shins gehört und überhaupt, es ist langsam wieder zu Hause. Ich halte das aus.

Zum ersten Mal dieses Jahr ungeschminkt ohne mich verkleidet dabei zu fühlen. Und durch die Scheibe eines Cafés J gesehen mit der ich in meiner ersten Studienstadt befreundet war, an die Scheibe geklopft, mich für morgen um fünf mit ihr verabredet. Fotos gemacht mit meiner analogen Kamera mit der keiner rechnet. Und Kai aus der Kiste gelesen. Hat auch mit P zu tun. Über Kameras gäbe es noch mehr zu schreiben und über den Berliner Hauptbahnhof. Aber es ist drei und ich werde schlafen denn morgen gibt es wieder Frühstück mit P nach seiner Gerichtsverhandlung, Neue Nationalgalerie mit K, Treffen mit J und danach vielleicht mit C. Klingt abgekürzt? Ist aber so herrlich unzusammenfassbar und spröde.

kurz – 21. September 2009

Posted by echtzeitmaerchen in Tagebuch, gedacht, gefragt, gehört, gelebt, gelesen, gereist, geschrieben.
Tags: , , , , , , , , , , , , , ,
add a comment

Eigentlich war ich immer sehr unzufrieden mit den letzten Artikeln und dachte immer, wer die liest, löscht sofort mein Blog aus dem Feedreader. Belanglos. Vielleicht noch verbrämt. So hat sich zumindest auch mein Leben angefühlt. Und, im guten Sinne, nicht blogbar. Als ob das was aufgeschrieben ist nicht das Wichtige ist. Das ist es vermutlich nie. Aber das Aufschreiben war wichtig für mich. Im Laufe des Schreibens stellte sich ein Zusammenhang her, jedenfalls in meinem Gefühl, und es war mehr da, was ich erlebt hatte als was ich nicht erzählt habe.

Dieses Gefühl hatte ich bei den letzen Einträgen nicht, hatte ich vor allem, wären mein Rechner kaputt war, hier im Computerraum nicht, auch wenn ich hier gerade gut schreiben kann und es auch vorhin gut konnte. Mein Leben fühlte sich so aufgeklöst an wie Zuckerwatte die vom Stab fällt, und ich wußte nicht einmal, ob ich der Stab war und aus welcher Perspektive ich hätte schreiben sollen. Das habe ich natürlich nicht geschrieben. Ich habe Überbrückungsposts geschrieben, um etwas zu schreiben, das, wozu man sich beim bloggen und überhaupt von einem Blog nie verleiten lassen sollte.

Warum ich im Nachhinein über diese beiden Posts doch so froh bin, auch wenn sie ein wenig gestelzt formuliert sind (in dem Versuch, meinem alten Schreiben, wenn schon nicht durch die Klarheit der Gedanken, dann doch durch eine versucte Klärung der Worte nahe zu kommen – ich habe also das nachgemacht was mir immer so viel bedeutet hat), weiß ich nicht, aber ich mag sie, sie berühren mich, das war mein Sommer, und ich bin unglücklich darüber, das über die ganze andere Zeit dieses bewegten, an Ereignissen, Gefühlen, Verwirrungen, Sommers, da nicht steht. Als wäre er nicht da. Nicht einmal erinnern kann ich mich, wer gesagt hat, ich sähe aus wie Effi Briest.

Wieder zurück. 14. September 2009

Posted by echtzeitmaerchen in gelebt, gelesen, gereist, im Regal.
Tags: , , , , , , , , , ,
add a comment

Der Heuschnupfen ist gegangen. Ich bin übersäht mit Stichen von Erntekrätze. Mein Computer geht wieder, hat aber alle Daten seines Feedreaders verloren. All die interessanten Blogs dich ich abonniert hatte, muß ich wieder suchen gehn. Der Herbst ist hier, aber nicht so brutal kalt, daß mich der Wind gleich wieder ins Haus blasen würde, dafür diesig und naß. Ich habe meinen Kühlschrank wieder aufgefüllt, oder besser, die Küchenflächen, denn kühlen muß ich das Gemüse nicht mehr, dafür ist es nicht mehr warm genug. Es gibt Suppengrün und Tomaten und Feigen und Paprika und Avokado und Ayran und Milch und Brot. Die letzte Woche war ich in Taizé und hatte fort bis Mittwoch jeden Tag auch noch dem Essen noch Hunger, und ab diesem Zeitpunkt war ich satt, immer, vor während und nach dem Essen. Heute aber habe ich einen Riesenappetit auf Salat und ihn auch schon gestillt, neben mir das Verborgene Wort von Ulla Hahn. Es hat nachtlos das ebenso formatige Spieltrieb von Juli Zeh abgelöst, wenn ich es aus der Handtasche gegriffen habe, wirkte es, als wäre es das immer gleiche Buch, beides im Rheinland, beides bundesdeutsch, beides voller Beschreibungen die sich von der Handlung unabhängig in die Wirklichkeit schrauben und das Erfundene der Autorinnen am von mir Erlebten nahtlos festmachen, der Mond! Die Buchstaben! Der Schatten den die Blätter der Bäume aufeinander werfen.

Mond, Sonne, Licht, Wärme, Gras (, Grasmilben), Tau, Himmel, Wolken, das waren wesentliche Bausteine der letzten Woche. Und unzählige Menschen und unzählige Gespräche. Belgien ist mein Sylvesterplan. Bin kaum wieder da, gerade geduscht, die Fingernägel endlich geschnitten, Nagellackreste ab und neuen gepinselt, die Haare gewaschen und gekämmt, ein bißchen ausgepackt, ein bißchen eingekauft, noch halb noch immer grundlos aufgeregt und in Aufruhr, unruhig, schon halb wieder müde. Aber endlich da.

Letztes Wochenende, Dichterfest in Erlangen, Notizen 4. September 2009

Posted by echtzeitmaerchen in Tagebuch, gedacht, gefragt, gehört, gelebt, gelesen, gereist, geschrieben, gesehen, im Regal.
Tags: , , ,
add a comment

So vieles ist passiert, über das ich schreiben wollte. Aber wenn ich am Computer sitze, überfaäät mich nur die Lähmung, die eintritt, wenn ich kurz Ruhe hhabe in diesen übervollen Tagen. Da war das Dichterfest in Erlangen am Wochenende, von dem ich mir ein paar Sätze aufgeschrieben habe, in mein Notuizbuch, während die Sonne schien und ich zuhörte.

Ich glaube, ich liebe Lyrik, weil einem keiner sagt, was man denken soll.

„Supersätze“

„Nie sagte er Deutschland, sondern imer Europa oder Frankfurt.“

ich mag den harten Ansatz wenn die Stimme vom Englischen ins Deutsche wechselt – Bas Böttcher – Monika Rink

„die harten näckigen Quitten“ (Monika Rink)

„Konferenzgetränke in sortierten Miniflaschen“

„Robert de Niro der deutschen Literatur“ (über Thomas Glavinic)

„Seit Kafka ist wieder alles erlaubt. Kafka hat uns gezeigt, man kann auch anders schreiben.“ (Thomas Glavinic)

„Die Wirklichkeit bietet immer Alternativen an, sie anders zu erzählen“ (Brigitte Kronauer)

nachlesen: Das Wort ‘verbrämen’

Diesmal waren es nicht ferne Länder, sondern viele Menschen, mein Sommer.

„Weder im Guten noch im Bad“ (Uljana Wolf)

„Wir dachten ja, Liebe sei nichts anderes als Julklapp“ (auch sie).

anderer Tag, 9. August 2009

Posted by echtzeitmaerchen in Tagebuch, gedacht, gefragt, gelebt, gelesen, gereist.
Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
add a comment

neuer Tag, Sonntag. Bedeckter Himmel, der mich erleichtert, auch die Vögel sind so leise, daß sie gut hörbar sind. Endlich habe ich etwas mehr geschlafen, bin nicht wieder morgens früh von allein aufgewacht nach einer viel zu kurzen Nacht. Ich habe Liter um Liter Ayran getrunken, ich habe gestrickt, ich habe Hunger von Hamsun mehr überflogen als gelesen, bin von Wortgruppe zu Überschrift gehüpft. Noch nicht ausgepackt. Nur was ich gebraucht habe. Also doch fast alles, denn ich hatte nur so wenig mit, aber der Rucksack liegt noch da und erinnert mich an die Reise, der Kalender noch darin, den ich bis jetzt noch nicht verwendet habe. Ich weiß, was ich heute mache, auch die Sachen für gestern wurden per Kurzmitteilung geregelt, erst ab Montag, wenn die Woche der Bibliotheksöffnungszeiten, Geschäftsöffnungszeiten, Praxisöffnungszeiten wieder anfängt, brauche ich wieder Termine. Nicht, daß ich meinen Kalender nicht mag. Er ist auch eine Art Ereignistagebuch, die Treffen, Briefe, Telefonate der kalenderlosen Zeit trage ich immer nach, damit ich weiß, was war, nicht in der Erinnerung die Zeit zu einer leeren verschwimmt, wenn ich in einem Kalender blättere – auch wenn ich weiß, daß die ganz ereignisreichen Zeiten den Kalender immer leer lassen. Der Monat in Venezuela, in Carácas, in den Tropen beim Workcamp, in einer Gastfamilie die eine Kaffeefarm hatte, auch am Strand zuletzt in einem stillgelegten Wasserwerk voller Pflanzen und Bücher, war so ereignisreich, daß ich sie niemals hätte nachtragen können. Auch so ereignisreich für mich. Jede Woche hat mich so verändert, daß ich die nächste anders wahrgenommen habe, und in der Rückschau bleibt nur dieses Fazit, nicht mehr die einzelne unterschiedliche Wahrnehmung.

Es gab viel Sonne letzte Woche, bei Augsburg regnet es nicht so viel wie in München, die Berge sind weiter weg, meine Schultern sind noch dunkler geworden, meine Haare noch heller, meine Schultern ein bißchen entspannter vom Schwimmen im See, immer hin zur Insel und wieder zurück, das mir gar nicht langweilig wurde. Ich habe keine neuen Worte gelernt. Ich habe nichts aus einer anderen Sprache gelernt. Ich habe nicht versucht, mit den Italienern auf Spanisch, mit den Ungarn auf Finnisch, mit den Slowaken auf Deutsch zu reden – ich habe mich aufs Lächeln und Gestikulieren beschränkt. Ich habe nicht gelesen und kaum geschrieben (immer nur einzelne Sätze die ich mir unbedingt merken wollte, nicht von mir, sondern, die andere ausgesprochen hatten), aber ich habe viel vorgelesen, mit dem Mikrofon in der Hand, nicht unbedingt in Gedanken beim Text, sondern daran, möglichst schnell von der Bühne wieder runterzukommen, aber offenbar hat gerade diese meine Gedankenferne den Zuhörern eine große Nähe zum Text erlaubt.

Nähe sonst? Nicht wie ich sie kenne.Trotzdem vorhanden, auf eine mir unbekannte Art. Das beschäftigt mich ja noch so. Ich bleibe da noch.

andere Woche 8. August 2009

Posted by echtzeitmaerchen in Tagebuch, gelebt, gereist, im Kino.
Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
add a comment

Diese letzte Woche hat viel verändert. Dabei war ich die meiste Zeit schlecht drauf und nicht begeistert. Einen Tag lang habe ich mich furchtbar einsam gefühlt wie ich es nur in Gruppen von 160 Leuten fühlen kann. Zwei wichtige Leute haben sich nicht gemeldet, und ich hatte sie schon so gut wie abgeschrieben. Außerdem habe ich gemerkt, bei aller Introvertiertheit, bei aller Sucht nach Alleinsein und Stricken und mich Zurückziehen und Lesen, wie wichtig Gespräch für mich ist. Thema der Woche war Schuld und Vergebung, und da ich letzte Woche über dieses Buch gestolpert war, bin ich in den Workshop „Holocaust“ gegangen. Wenn ich es nicht gefunden hätte, vielleicht wäre es Israel/Palästina oder das Schreibprojekt geworden, vielleicht wäre dann auch meine Woche anders gelaufen, ich weiß es nicht. Jedenfalls haben wir in meinem Workshop den Film Sophie Scholl mit Julia Jentsch gesehen, den ich noch nicht kannte. Er läuft über zwei Stunden, und nur die ersten sieben Minuten, ich habe auf die Uhr gesehen, spielen in der Freiheit, in und an der LMU, an der ich studiere. Ich durchlaufe diesen Lichthof täglich und wechsele im Treppenhaus zwischen meinen Vorlesungen, ich wusste an jeder Ecke an der sie standen welches der schnellste Weg nach draußen gewesen wäre, obwohl ich natürlich wusste, daß sie geschnappt werden würden.

Der Rest ist quasi ein Kammerspiel, er spielt im Gerichtsgebäude, in dem ich kürzlich mit J, die zu Besuch aus Kreisau war, und in demjenigen Saal die Verhandlungsakten angeguckt habe, in der Zelle, kurz in Autos, in Stadelheim, das war es. Trotzdem kommt einem der Film nicht eng vor, weil eigentlich die ganze Welt mitverhandelt wird. In Sophies Argumentation spielt das Gewissen eine zentrale Rolle, so schwammig dieser Begriff ist, so offen ist er auch. Sophie beharrt auf einer Wahrheit jenseits des Rechtes, die nicht subjektiv ist, obwohl sie nicht festgeschrieben wird. Die Objektivität kann nur postuliert werden – wo immer das Gewissen angesiedelt ist, ob es in der Welt oder bei Gott verankert ist, es lässt sich nicht messen. Aber es ist notwendig, um einem Gesetz, das Verbrechen vorschreibt, etwas entgegen setzen zu können.

Dieser merkwürdig schillernde, schwammige und unabdingliche Begriff ist aber der Kernpunkt an dem die Haltung ihres Verhörers, Robert Mohr, kippt.

Erst fiel ich aus diesem Film in ein Foyer in dem es Kaffee und Kuchen gab und die Leute sich für die Diskussionsforen in Listen eintrugen, geredet habe ich über den Film schließlich nicht, aber über anderes, später, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, erschöpft von den vielen Tränen von denen ich gar nicht wußte das so viele in meinen Kopf reinpassen wurden, die im Laufe des Tages ausbrachen. Warum? Einsam habe ich mich gefühlt. Und in einer Welt, in der … schwer zu beschreiben. Vielleicht: In der es das sicherste ist, allein zu bleiben.

Am Mittwoch waren wir in Dachau …

Ich war die ganze Woche nicht gut drauf. Ich dachte die ganze Zeit, daß ich eh nächstes Jahr nicht wieder kommen würde, und ließ meine schlechte Laune, meine Tränen, meine Kritik raus. Damit war die Woche sehr anders als mein sonstiges Leben. Es gab schließlich gute Gespräche, aber die waren ganz anders als sonst. Ich war nicht nett. Es waren auch keine netten Gespräche. Aber es gab welche, es war kein Schweigen. Und sie waren wichtig, wenn sie auch nicht frohgemut waren. Nicht nur. Irgendwie war das alles anders als sonst. Und hat sich damit tief eingeprägt. Ich kann noch nicht mehr wirklich sagen, in welchem Umfang. Aber ich möchte nicht, daß es vorbei geht.

Ach so, und ich habe eine ganze Menge da gelassen. Ich fühle mich freier.

Schwarzblau 6. Juli 2009

Posted by echtzeitmaerchen in Tagebuch, gefragt, gelebt, gereist.
Tags: , , , , , , , , , ,
add a comment

Ein Abend. Ein Abend nach einem Tag. Es war ein langer Tag. Oder die Nacht zuvor war nur zu lang. Um zwei erst schlafen, sich vorher einige Stunden bei 130 km/h auf der Autobahn auf dem Motorrad anklammern, letztlich doch anzukommen ohne es bis zum Morgen recht glauben zu können, Gespräch, Uni, Einkaufen (Milch und Ayran), müde sein, ein aufgeregtes Herz haben, ein komischer Tag. Schreiben? Schreiben? Ich vermisse Topkapi. Ich vermisse L die ich am sonnenüberfluteten Rudolstädter Bahnhof verabschiedet habe. Sie zu sehen ist immer gut. Immergut.

Ich sortiere meine Lidschattenfarben, bunte Partikel an meinen Fingern, Glitzern um meine Augen, in meinen Augen.

Ein Abend, eine Nacht, ein Buch in meiner Hand, und die Hand auf dem Lichtschalter: Aus oder an?

Summer Crossing 12. Mai 2009

Posted by echtzeitmaerchen in gelesen, gereist, im Regal.
Tags: , , , , , , , , , ,
add a comment

Bei M ein Buch gefunden: Sommerdiebe von Truman Capote, eines dieser Nachlassdebuts, eine Sprache die einen belebt wie die Spritzer die entstehen wenn man Orangenschalen knickt, eine leichte Geschichte, in New York, dem einzigen Sehnsuchtsort den ich als heranwachsende Berlinerin mit dem typischen Berliner Selbstwertgefühl hatte: Die einzige Stadt die toller sein kann als Berlin.

Eine Wohnung an der Fifth Avenue, darin ein Zimmer mit einem Balkon von dem aus man den ganzen Central Park überblicken kann, Sommer in den Hamptons, die Familie bricht mit dem Schiff auf, um in Europa zu sommern, und man selber ist 17, frisch verliebt, und hat die Stadt und alle Freiheit der Welt, der Broadway leuchtet, wird nie dunkel im Flimmern der Leuchtreklamen, Ausflüge in die Welt von Clive, dem jüdischen Automechaniker aus Brooklyn, Treffen mit Pete, dem Exzentriker der gerade von einer Eliteuni geflogen ist, das ist eine Welt, in die es schön ist einen kleinen Wochenentrip zu nehmen.

Dieses Buch ist also eine Reise wert. Eine kurze, leichtbepackte, die kleine Ledertasche leicht geschultert, nur ein wenig frische Wäsche und eine Zahnbürste, Buch, Papier, Stifte, einen Regenschutz darin, und dann in den übergrünen regnerischen Frühsommer hinaus, mehr nicht.

Keine tiefen Züge in einem fremden Land. Nur ein wenig auf den eigenen Gedanken herumturnen, während man die Metaphern mitdenkt. New York, New York …

weißes Heute 11. Mai 2009

Posted by echtzeitmaerchen in München, Tagebuch, gehört, gelebt, gelesen, gereist.
Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
add a comment

Heute ist so ein Kopfwehtag. Gestern hätte es schon die ganze Zeit gewittern sollen, ab und zu gab es ein paar losgelöste Tropfen, von denen man zufällig getroffen wurde oder die sich als dunkle Punkte auf dem Pflaster bildeten, aber es war noch schön warm, die Kastanien hatten nicht nur ihre großen schweren Kerzen, sondern auch schwere, feuchtigkeitsdunkle Blätter, und der Hin-und Rückweg die Isar entlang zum Ampère war wunderschön.

Heute hat das sich immer weiter herausschiebende Gewitter aber einen Druck auf die Stadt und meine Stirn gelegt, und ich erinnere mich an Freitag, die Rückfahrt von der Menschenrechts-Tagung in Aschaffenburg mit dem Bayernticket kreuz und quer in Regionalzügen durch die Landschaft Mittelfrankens, die sanft, hell, rapsgelb, hügelig, gelegentlich bewaldet vor dem Fenster lag während ich Missent To Denmark hörte und das Ende von Lagerfeuer las, und je weiter ich nach Süden kam, desto dunkler wurde der Himmel, wegen des voranschreitenden Tagesendes, aber vor allem, weil der Himmel sich mehr und mehr mit Gewitter füllte, in Treuchtlingen setzte der Regen ein, in Augsburg der Donner, als der Zug in Pasing einfuhr der Blitz. Der Süden von Bayern, ja, aber eben auch in der Nähe der Alpen, das ist es, was München ausmacht.

Also schaue ich auf den drückend weißen Himmel an den weißen Säulen in den Fensterhöhlen der Bibliothek vorbei.