jump to navigation

Lyrikspeicher

*siehe immer auch die Gedichtbibliothek*

( Lieblingssonette )

Friedrich Rückert:

(aus Amaryllis, ein Sommer auf dem Lande)

Amara, bittre, was du tust ist bitter,
Wie du die Füße rührst, die Arme lenkest,
Wie du die Augen hebst, wie du sie senkest,
Die Lippen auftust oder zu, ists bitter.

Ein jeder Gruß ist, den du schenkest, bitter,
Bitter ein jeder Kuß, den du nicht schenkest;
Bitter ist, was du sprichst und was du denkest,
Und was du hast, und was du bist, ist bitter.

Voraus kommt eine Bitterkeit gegangen,
Zwo Bitterkeiten gehn dir zu den Seiten,
Und eine folgt den Spuren deiner Füße.

O du mit Bitterkeiten rings umfangen,
Wer dächte, daß mit all den Bitterkeiten
Du doch mir bist im innern Kern so süße.

Oskar Loerke:

Blauer Abend in Berlin

Der Himmel fließt in steinernen Kanälen;
Denn zu Kanälen steilrecht ausgehauen
Sind alle Straßen, voll von Himmelblauen;
Und Kuppeln gleichen Bojen, Schloten Pfählen.

Im Wasser. Schwarze Esensdämpfe schwelen
Und sind wie Wasserpflanzen anzuschauen.
Die Leben, die sich ganz im Grunde stauen,
Beginnen sacht vom Himmel zu erzählen,

Gemengt, entwirrt nach blauen Melodien.
Wie eines Wassers Bodensatz und Tand
Wie eines Wassers Wille und Verstand

Im Dünen, Kommen, Gehen, Gleiten, Ziehen.
Die Menschen sind wie grober bunter Sand
Im linden Spiel der großen Wellenhand.

Tamerlan
(Kurt Tucholsky)

Tamerlan war Herzog der Kirgisen
und jeder Mensch in Asien wusste, wo er war.

Tamerlan ritt über grüne Wiesen,
und wo der Junge einmal hintrat, wuchs kein Gras.

Und alle Frauen lauschten angstvoll seinem Schritt.
und in die Städte – fielen die Mädchen alle mit.

Er war auch stets zu einem wilden Kampf bereit
das war in Asien – eine schöne Zeit.

Mir ist heut so nach Tamerlan zu Mut,
ein kleines bißchen Tamerlan wär gut.

Es wäre ja, geniert mich das,
geniert mich das, gelacht.

Ich glaube, es passiert noch was,
passiert noch was, heut Nacht.

Mir ist heut so nach Tamerlan zu Mut,
ein kleines bißchen Tamerlan wär gut.

Und sehe ich ins Publikum
da liegt heut so ein Fluidum …
ach Mensch, gehn’ se’ weg
es hat ja kein Zweck
mit dem Tamerlan.

Tamerlan mein liebstes Kind, ja Kuchen.
So einen Tamerlan, den möchte ich wohl auch,
Tamerlan, da kannst du lange suchen,
wer mit Devisen handelt, der hat einen Bauch.

Du suchst dir hier vergeblich einen Tamerlan,
nun guck mal runter,
sieh dir mal an.

EINST

(Bertolt Brecht)

Einst schien dies in Kälte leben wunderbar mir
Und belebend rührte mich die Frische
Und das Bittre schmeckte, und es war mir
Als verbliebe ich der Wählerische
Lud die Finsternis mich selbst zu Tische.

Frohsinn schöpfte ich aus kalter Quelle
Und das Nichts gab diesen weiten Raum.
Köstlich sonderte sich seltne Helle
Aus natürlich Dunklem. Lange? Kaum.
Aber ich, Gevatter, war der Schnelle.

Kommentare»

No comments yet — be the first.