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noch ein neuer Artikel. 1. September 2009

Posted by echtzeitmaerchen in München, Tagebuch, gedacht, gefragt, gehört, gelebt.
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Nach dem Eisessen. Leben in München. Bibliotheken prägen mein Leben, außerdem die über die Stadt verteilten Orte, an denen Eis erhältlich ist. Außerdem die über die Stadt sich verteilenden Menschen, die mir etwas bedeuten.

Wie seltsam, welche Rolle Gespräche für das Entstehen von Nähe bedeuten. Ein Wissen, daß ich, unformuliert, bestimmt als Teenager schon hatte, wie alle Teenager, die stundenlang telefonieren.

Ich habe so viel vergessen. Ich hatte ein rasend gutes Gedächtnis für alles, bis ich 23 war, ich konnte mir jedes Detail merken. Seit dem ist vieles immer wieder neu für mich daß ich irgendwann schon mal kannte oder wußte. Kennen und wissen ist aber ohnehin jedesmal anders, wenn man sich wieder ein wenig verändert hat.

So spreche ich, erzähle, höre zu, merke mir, was ich höre, frage, lache, weine, umarme.

Schneewittchen 29. Juli 2009

Posted by echtzeitmaerchen in München, gedacht, gefragt, gelesen, im Regal.
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Vor ein paar Tagen unterhielt ich mich mit jemandem über Schneewittchen. Ich wollte das Märchen noch einmal nachlesen. Wie viele Dinge mit denen man sich ablenkt, kam mir dieser Gedanke heute in der Bibliothek, inmitten meiner Althebräischen Bücher und Wörterbücher. Ich suchte im elektronischen Katalog über das Feld „freie Suche“ nach Schneewittchen und grenzte ein auf die Bibliothek in der ich mich befand. Ein Buch war gerade ausgeliehen, das andere von den beiden hatte eine Signatur im dritten Stock. Ich holte das Buch und machte erst einmal dort weiter wo ich aufgehört hatte: Exodus 12, der Auszug der Israeliten aus Ägypten, das letzte Pessach vor dem Auszug, die Regelungen für Nicht-Israeliten, die auch beim Auszug mit dabei waren, bei diesem Mahl.

Irgendwann fing ich doch an zu lesen. Um herauszufinden, was dieses merkwürdige Buch mit dem Begriff Schneewittchen zu tun haben könnte. Es heißt „Ich muß doch meinen Vater  lieben, oder?“ von (Matthias Kessler)  und besteht aus den Umschriften von Interviews der Tochter des Kommandanten von Plaszow (bei Krakow, das Krakower Ghetto wurde dorthin verlagert), Amon Göth, bekannt aus dem Film „Schindlers Liste„, wie das Vorblatt bemerkt, den ich nicht gesehen habe, selbst erst im November 45 geboren, die ihren Vater nie kennengelernt hat.

Ich saß da, in der Bibliothek, mit dem Blick auf die Leopoldstraße, und las das Leben dieser Frau, in Frage und Antwort, oft münchnerisch dialektal, ohne Unterbrechung, bis ich um kurz vor zehn, als die Bibliothek schloss, alles gelesen hatte bis auf die beiden Epiloge, je einer von Interviewer und Interviewter.

Frage und Antwort, Liebe und Schuld, am Anfang empörte mich die Naivität mit der die Antwortende Schuld zu relativieren sucht, bis sich mehr und mehr abzeichnet, daß sie die Schuld nicht ins Nichts abschiebt, sondern allein sich selbst gibt, und zwar alle Schuld, und hier bin ich schon bei dem außergewöhnlichen Leben angelangt: Die Mutter außergewöhnlich grausam, lässt beispielsweise die 20jährige wegen einer Nichtigkeit in die Psychatrie Haar einsperren, wo sie drei Monate verbringt, unter anderem wegen einer vorlauten Bemerkung in einer Zelle mit in die Haut einschneidender Zwangsjacke, nachdem die Interviewte, Monika, mit Lulu, einem Transvestiten Streit hatte, den die Mutter bei ihr im Zimmer einquartiert hatte und der dort längere Zeit lebte und eine engere Beziehung für die Mutter bedeutete als die Tochter – dies allein finde ich nicht schlimm, aber außergewöhnlich. Schlimm dagegen ist die erste Ehe von Monika. Da sie kein Dach mehr über dem Kopf hat (die Mutter hatte sie ausgesperrt), heiratet sie nach ein paar Nächten in Hauseingängen und auf Dachböden („wissen Sie, damals waren noch nicht alle Häuser abgesperrt“) einen Mann, der sie vergewaltigt, schlägt und auf den Strich schickt. In diesem Ton erzählt sie das: als hätte sie nichts besseres verdient.

Gerade die Beiläufigkeit, die mich aufregte, als es um die Schuld ihrer Eltern ging, macht mehr und mehr Sinn: Sie nimmt alle Schuld auf sich, sie hat in ihrem Leben so viel als Strafe empfunden, daß sie von daher relativiert. Sie findet als leidendes Kind all das in Ordnung, was die Mutter mit ihr macht, sie findet entschuldigende Worte für ihren ersten Ehemann, es ist, als mache ihr nichts mehr Angst als fremde Schuld, sie nimmt auch die Schuld für die Schläge ihres Mannes auf sich und wirkt dabei milde, großzügig, vergebend, sie scheint all das ernst zu meinen, die guten Worte die sie über alle verliert, und wenn ihr jemand wehgetan hat, wie der GI der als Kind mit ihr gepielt hat und dann weg war ohne sich zu verabschieden, dann sucht sie die Schuld bei sich.

Ich werde diesem Text und diesem Menschen nicht gerecht, ich möchte nur Werbung machen, dieses Buch zu lesen, nicht nur weil es sich schnell und zügig herunterlesen lässt, weil es mit einem Oscar-prämierten Film zu tun hat, weil es um wichtige Dinge geht, sondern weil so vieles darin scheinbar nebeneinander steht und dann doch sich zusammenfügt: Vom Winde verweht, immer wieder, die Sklaven, die auf Tara im Einklang mit der Herrenfamilie leben, so hätte sich Monika die Zustände im Lager ihres Vaters gewünscht,  ihr Vater sah Rhett Butler ähnlich, und ihre Mutter hatte zeitlebens nur zwei Traummänner, Amon Göth und Rhett Butler.

Die Vornamen der Eltern: Ruth und Amon, beides hebräisch, Amon der böse König der für das Babylonische Exil verantwortlich ist, Vater des überguten König Josija, dem sogar noch das fünfte Buch Mose im Tempel zufällig zufällt (eine Schriftrolle wird in seiner segensreichen Amtszeit gefunden).

Monika selbst ist aufgewachsen in Schwabing, in der Schwindstraße, keine 10 Minuten von meiner Uni entfernt, sie verbringt Zeit im Alten Simpel, am Hohenzollernplatz, sie geht in die Theatinerkirche, all das ganz beiläufig, aber all das in unmittelbarer Umgebung des Ortes wo ich saß und dieses Buch las. Und doch überraschte es mich, irgendwann zu lesen, daß sie eine Sekretariatsstelle an der Uni angenommen hatte und da lange Zeit arbeitete. Und als ich las, dass sie anfing, Althebräisch zuelernen, verschlug es mir das Räuspern, dort zwischen meinen Althebräischen Büchern.
Auch ihr Leben war voller Zufälle, zumindest kommt es mir so vor, aus der Perspektive von heute, daß sie einem befreundeten Kneipenwirth, für den sie heimlich schwärmt, beim Abwaschen beobachtent, und als sie untere seinen hochgerutschten Armen eine tätowirte Nummer sieht, nachfragt, in welchem Lager er gewesen sei, in Polen, aber wo ihn Polen? Ihre Mutter käme daher, sie habe sich mit KZs beschäftigt (langsam versucht sie dem nahe zu kommen, worüber ihre Mutter schweigt und ihre Oma lügt), vielleicht kenne sie den Ort, und als er „Plaszow“ ausspricht sagt sie, dann kanntest Du meinen Vater! -Wie heißt er? – Wie ich. Göth. – Nein, ich kenne keinen Göth. – Aber wie kannst du dagewesen sein und den Namen des Kommandanten nicht kennen? – Nein, der Kommandant hieß Gätt.

Der Wirt erstarrt, und Monika erklärt zusammenfassend, die Polen haben kein ö aussprechen können und hätten es als ä gesprochen. Weiter spricht sie mit den Besitzern des Babalou, wo sie sich als Bedienung bewirbt, die ebenfalls beide in Plaszow waren, ihr lange über den Kopf streicheln und sie nach Hause schicken ohne ihr etwas zu sagen. Im Amerikahaus, wo sie sich anmeldet, um etwas zu erfahren, findet sie hauptsächlich Sachen über Auschwitz.

Alles keine Entschuldigung, alles kein Grund, alles kein …

So viel Naivität, aber andererseits entblättert sich solch ein Leben, das sie fast als Antwort auf die Schuld ihres Vaters gelebt hat ohne es zu benennen, und das andererseits ohne Naivität vielleicht auch nicht aushaltbar ist.

Im neueröffneteten Babalou verbrachte ich vor zwei Jahren eine Sommernacht ohne von all dem zu wissen. Ich werde in die Schwindstraße gehen. Ich werde morgen die beiden Epiloge lesen. Und ich werde aufmerksam die alten Frauen in den Althebräischveranstaltungen beobachten. Und ein paar der teils doch unglaublich klugen Zitate hier reinstellen.

es beginnt die 26. Juli 2009

Posted by echtzeitmaerchen in Tagebuch, gelebt, gelesen, geschrieben.
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Ferienzeit. Endlich die Zeit, jeden Tag in der Bibliothek zu hocken. Umgeben von Büchern. Ein fest Burg ist … der Bücherturm links von mir und der kleinere rechts von mir. Von den Zinnen schaue ich auf die Ludwigstraße herab. Ich finde alles heraus über die Vasallenverträge der Hethiter. Ich fülle weiße Blätter mit winzigen bleiernen Hieroglyphen. Das ist mein Sommer.

Neuheiten: Nun mit Bleistift statt mit Füller. Nun mit Augustiner Hellem statt mit Weißbier. Nun mit Lidschatten in Blautönen statt in Gold (passend zum Kleid). Nun mit dem immerselben Kleid, jeden Tag. Nun mit wiedergefundenem Studentenausweis für die Bibliothekskartei statt mit zerknitterter Immatrikulationsbescheinigung. Nun mit Kaffee in den Pausen statt Ovomaltine. Alles neu macht der Julai.

Wie alltäglich ist doch das Leben der Studenten.

Begebenheiten, zwei 23. Juli 2009

Posted by echtzeitmaerchen in gelebt.
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1. Als S, da sie Bachelor ist, gestern ihren Vorlesungsschein ausfüllen musste, frage sie: „Wie heißt denn die Professorin mit Vornamen?“ Ich sage: „Ich bin dumm, ich weiß es nicht, aber ich finde, sie sieht aus als ob sie Hannelore hieße.“ Ich kenne mich da aus, ich kenne eine Menge Hannelores, sodaß ich sie in meinem Adressbuch mit Nachnamenkürzeln unterscheiden muß, und eine ist sogar meine Patentante.

Daß die Professorin tatsächlich so hieß, verwundert mich aber bis heute. Seit wann heißen Leute so wie man vermutet?

2. Ich hatte kein 1-Euro-Stück vor der Bibliothek. Ich habe immer eines, aber dieses immer-eine war einfach weg. Ich frage eine Frau, ob sie mir ein 2-Euro-Stück wechseln könnte. Ich frage eine zweite und eine dritte. Die erste sagte, sie könne mir einen leihen. Sie säße im zweiteinhalbten Stock, dort könne ich es ihr zurückgeben. Ich: „Aber dann muß ich ja meine Sachen draußen lassen, wenn ich dann wieder rein muß.“ Sie: „Wie lange bleibst du denn?“ Ich: „Eineinhalb Stunden.“ Sie: „Ich auch. Dann können wir ja gemeinsam raus gehn. Und wenn nicht ist auch nicht so schlimm.“

Als ich eineinhalb Stunden später im zweieinhalbten Stock zu ihrem Tisch kam, wollte sie noch bleiben. Also brachte ich den Euro, nachdem ich meine Sachen gepackt und über der Schulter hatte, zur Empfangstheke, und ließ ihn ihr in das Fach in dem Karteikästchen legen, in dem ihr Studentenausweis hinterlegt war. So macht das die hiesige Bibliothek nämlich. Und alles klappte.

(beides gestern)

Ein total verkorkster Tag. 16. Juli 2009

Posted by echtzeitmaerchen in Tagebuch, gefragt, gelebt.
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Ich bin total unästhetisch gekleidet. Schließlich war heute Pack-Aktion, unser Lehrstuhl zieht um, und wir haben einen ganzen Bibliotheksraum in Kisten gepackt. Es ist Sommer der schlimmsten Sorte. Warm, daß es den Kreislauf zusammenhaut, einem schwindelt und man trotzdem oder deswegen nicht essen kann, das Essen aber braucht … so ein schlimmer Tag! Auch ein Ausflug auf den Südfriedhof und das dortige vielfältige Grün machte ihn nicht besser, nicht einmal der morgendliche Ayran. Ich sammle diesen Monat  jeden Tag einen guten Moment, aber dieser Tag schien keinen zu bergen. Dann aber nach dem Packen ein Gespräch mit einem Seit-Neuesten-Kollegen, der im Herbst ein halbes Jahr im Priesterseminar in Berlin war, vorher eine eigene Werbeagentur hatte, jetzt beschlossen hat, doch nicht Priester zu werden, sondern in München zu studieren, der Musik macht, schreibt, und ein Kinderbuch veröffentlicht hat. Und der Gespräche führt indem er jede Menge Fragen stellt. Auf einmal war ich wieder in meinem Leben drin als hätte ich es mir angezogen wie einen Rollkragenpullover. Es passte mir und ich konnte mich darin bewegen. Und reden. Und es ging um die wirklich wichtigen Themen: Was kann Literatur mit unserem Leben machen? Was können wir mit unserem Leben machen? Was wollen wir mit unserem Leben machen? Was bedeutet Glauben? Was bedeutet die Welt mit den Augen Gottes zu sehen? Was bedeutet Ebenbild Gottes zu sein? Was ist Leben?

Das war so weit weg von mir die letzten Tage: Leben. Und es ging mir so schlecht damit. Oder vielmehr da-ohne.

endlich der neue 23. Juni 2009

Posted by echtzeitmaerchen in gedacht, gehört, im Ohr.
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Radiotatort, mit Marie-Lou Sellem, die ich mag seit ich sie in Nichts Bereuen als etwas ältere Krankenschwester gesehen habe, die Daniel Brühl anlernt und entjungfert.

In diesem Tatort verbrennt eine Bücherei, und ein Autor ist entsetzt über die zu verloren gehen drohenden Autographe und Manuskripte. Das erinnert mich an den Nachruf, den Günther Wallraff über seine verschollenen unveröffentlichten Texte, die mit dem Kölner Stadtarchiv verschüttet wurden, in der ZEIT veröffentlicht hat. Und es erinnert an die brennende Bibliothek Umberto Ecos Im Namen der Rose. Es scheint auch um aus ideologischen Gründen gestohlene Texte zu gehen …

weißes Heute 11. Mai 2009

Posted by echtzeitmaerchen in München, Tagebuch, gehört, gelebt, gelesen, gereist.
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Heute ist so ein Kopfwehtag. Gestern hätte es schon die ganze Zeit gewittern sollen, ab und zu gab es ein paar losgelöste Tropfen, von denen man zufällig getroffen wurde oder die sich als dunkle Punkte auf dem Pflaster bildeten, aber es war noch schön warm, die Kastanien hatten nicht nur ihre großen schweren Kerzen, sondern auch schwere, feuchtigkeitsdunkle Blätter, und der Hin-und Rückweg die Isar entlang zum Ampère war wunderschön.

Heute hat das sich immer weiter herausschiebende Gewitter aber einen Druck auf die Stadt und meine Stirn gelegt, und ich erinnere mich an Freitag, die Rückfahrt von der Menschenrechts-Tagung in Aschaffenburg mit dem Bayernticket kreuz und quer in Regionalzügen durch die Landschaft Mittelfrankens, die sanft, hell, rapsgelb, hügelig, gelegentlich bewaldet vor dem Fenster lag während ich Missent To Denmark hörte und das Ende von Lagerfeuer las, und je weiter ich nach Süden kam, desto dunkler wurde der Himmel, wegen des voranschreitenden Tagesendes, aber vor allem, weil der Himmel sich mehr und mehr mit Gewitter füllte, in Treuchtlingen setzte der Regen ein, in Augsburg der Donner, als der Zug in Pasing einfuhr der Blitz. Der Süden von Bayern, ja, aber eben auch in der Nähe der Alpen, das ist es, was München ausmacht.

Also schaue ich auf den drückend weißen Himmel an den weißen Säulen in den Fensterhöhlen der Bibliothek vorbei.

Aktualisierung 27. März 2009

Posted by echtzeitmaerchen in Tagebuch, gelebt, gelesen, geschrieben, gesehen, geträumt.
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Ich weiß, ich bin überhaupt nie mehr im Internet. Umso erstaunlicher, daß diese Seite dennoch täglich angeklickt wird. In gewisser Weise widerfährt mir im Moment eine Menge Blogbares. Aber das wäre jetzt zu viel auf einmal zu beschreiben. Immerhin war ich jetzt das erste Mal in diesem Jahr (glaube ich) sogar zwei Tage direkt hintereinander im Netz. Ich muß dringend für einen Prof Bücher suchen, das war der Grund, aber es fühlt sich auch gar nicht schlecht an, statt zu Hause oder unterwegs wieder in der Uni zu sein. Ich habe viel gelesen in der letzten Zeit und viele Leute getroffen. Ich war viel unterwegs und hatte ziemliches Männerchaos. Und ich habe seit gestern einen neuen Schaukelstuhl! Und meine Haare werden langsam lang. Und ich habe eine neue, dunkle Brille und Rougebenutzen entdeckt. Und ich habe, völligüberraschend, bei einer Fernsehshow mitgearbeitet. Das war interessant und erhellend, aber auch deprimierend. Dafür bin ich als Zeit-Leserin und Dradio-Hörerin vermutlich zu weltfremd. Und ich war viel im Kino. Und ich bin aus einem Job geflogen, aber das habe ich, glaube ich, schon geschrieben. Sonst gibt es, grob gesagt, nicht viel. Nur im Detail. Aber um darüber zu schreiben brauche ich immer etwas Abstand. Meine beste Freundin war zur Zeit etwas verschollen, das ist nicht so schön. Und ich habe M das letzte Mal am Mittwoch gesehen, nachdem ich mit ihm seit gut einem Monat jeden Tag mindestens zwei Stunden telefoniert habe, selbst wenn wir uns gesehen haben. Er fehlt mir. Wir telefonieren erst Sonntag wieder, nach dem Tatort, der in München spielen wird. Was wird nur aus diesem verdammten Leben? Heute Nacht hatte ich zwei Albträume, im ersten bin ich durch eine wichtige Prüfung gefallen und im zweiten war ich verhaftet aus religiösen Gründen in einem Lager, im 17. Jahrhundert, während der Religionskriege – dabei hatte ich mich gestern nur eine halbe Stunde darüber mit B unterhalten, genauso gut hätte ich auch von Abtreibung oder den amerikanischen 50ern träumen können, aber nein, es war dieses Historienlager, und zugleich schien es in Indien zu liegen, hm, ich habe Slumdog Millionaire zweimal gesehen – jedenfalls liegen diese beiden Träume heute noch den ganzen Tag auf mir. Jetzt habe ich Hunger. Und gehe nach Hause. Obwohl ich fast zu müde dafür bin. Und nur einen Aufsatz für meinen Prof gefunden habe. Nächste Woche wieder – es ist schwierig, klein anzufangen, denn die Vorstellung in dem Tempo weiterzumachen ist beängstigend, aber im Vergleich zu den letzten Wochen habe ich in den letzten drei Tagen unheimlich viel geschafft: Endlich wieder emails geschrieben. Im Waschsalon gewesen, inzwischen sogar fast alle Kleider von der Leine genommen und weggeräumt, nur ein kleiner Rest ist noch feucht und hängt noch. Und gearbeitet. Und – aber das war auch in den letzten Wochen so: Zufällig Leute auf der Straße getroffen, mit ihnen geredet, aber über nichts wichtiges. Ich habe so viel mit Leuten gemacht und geredet in letzter Zeit, über Bücher und Kino und Politik, aber nie über mich. Das ist komisch. Kein Wunder eigentlich daß ich nicht blogge. Immerhin habe ich vor ein paar Tagen wieder angefangen, Tagebuch auf Papier zu führen. Aber trotzdem unheimlich, wie viel sich in der letzen Woche plötzlich ergeben hat. Davor eine Woche in der ich ununterbrochen unterwegs war und fast keine Nacht zu Hause, dafür fast jede Nacht wo anders, davor eine Woche in der ich nur zu Hause war, so daß ich schließlich dachte, es sei Freitag, es war aber schon Samstag, davor … daran kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Eine Woche mit von allem etwas, glaube ich. Jedenfalls habe ich ungefähr sechs Bücher die Woche gelesen in den letzten Wochen. Darum war es eine gute Zeit. Und habe, eine Sensation für mich, fast gar nicht mehr Radio gehört und damit auch ein bißchen den Boden der politischen Allgemeinbildung verlassen. Was vorher immer ein Rückgrat war, ich wußte was an dem Tag geschehen und was davon wichtig war, war weg. Und die Bücher waren ja nicht weniger wichtig. Nun ja, der Hunger zieht mich hier raus, und ich höre auf mit dieser Aneinanderreihung … von …

(eingeklammert) 20. Januar 2009

Posted by echtzeitmaerchen in Tagebuch, gedacht, gefragt.
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Letzen Donnerstag saß ich, da fühlte mich stark, ernst und traurig, aber stark und handlungsfähig, und fing an zu arbeiten. Ich erstellte eine Struktur und einen Plan, alles verfestigte sich. Wie das Ergebnis der letzten Wochen: Ernst und stabil, setzte ich mich hin und die Tat um was ich wollte.

Dann kam Freitag. Acht Uhr morgens. Der Besuch in einem Zimmer mit Teppich in Schwabing bei einer fremden Frau, nie zuvor gesehen. Die mir sagte, ich sei zu mißtrauisch als daß für mich eine Chance bestehe daß ich Hilfe bekäme. Chancenlos. Worte einer Frau die kaum Worte von mir gehört hatte, aber voller Vehememenz sprach und der grundsätzlich Autorität zukam, denn sie muß kompetent sein.

Wochenende: Allein gewesen, aufgeräumt, Briefe geschrieben, gestrickt, die Hessenwahl und der chaotische Versuch, die Telefonanlage zu installieren, und jetzt sitze ich wieder hier, in der Bibliothek, und schreibe wieder nur Fußnoten, anstatt dem Ganzen endlich eine Struktur, ein Rückgrad zu geben, weiterzukommen.

Ein neues Dokument in dem ich die Struktur festhalte die ich am Donnerstag entworfen habe. Schon wieder ein neues Dokument. Noch.

Ich bin zu arbeitsfähig, um mich zu verkriechen, aber doch wieder zu eingeknickt um wirklich dran zu sitzen, die Gedanken nicht zwischendurch im zerklüfteten Hirn zu verlieren.

Winteranfang 30. Oktober 2008

Posted by echtzeitmaerchen in gelebt.
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Heute hätte es schneien sollen. Hat es aber nicht, zum Glück für die Demo gegen Studiengebühren. Heute hätte es aber schneien sollen. Ich habe mich sehr warm angezogen, einen dicken, verfilzten Pullover aus Bulgarien und Stiefel. Trotzdem ist es kalt in der Bibliothek. Es ist ja auch kalt. Es hat nur keinen Regen gegeben der zu Schnee hätte gefrieren können. Es hätte schneien sollen heute, dann wäre alles weiß.

Wenigstens sanft und leise. Vielleicht fahre ich gleich wieder nach Hause. Vielleicht warte ich aber noch auf S, und wir gehen Kaffeetrinken. Habe ich schon erwähnt, daß das das Semester des Kaffeetrinkens zu werden scheint? Das mit dem Schwerpunkt auf meinem Geisteswissenschaftsstudium. Dabei trinke ich ja nie Kaffee und immer Kakao. Bis nachher.