anderer Tag, 9. August 2009
Posted by echtzeitmaerchen in Tagebuch, gedacht, gefragt, gelebt, gelesen, gereist.Tags: Bilanz, Bleiben, Briefe schreiben, Erinnerung, Fazit, Gedanken, Haare, Himmel, Kaffeetrinken, Kalender, lächeln, Link, Nähe, Rückschau, Reflexion, sätze, schreiben, Schwimmen, See, Sommer, Sonne, Stricken, Tagebuch, Texte, Treffen, Venezuela, Vorlesen, Wahrnehmung, Wetter, Worte
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neuer Tag, Sonntag. Bedeckter Himmel, der mich erleichtert, auch die Vögel sind so leise, daß sie gut hörbar sind. Endlich habe ich etwas mehr geschlafen, bin nicht wieder morgens früh von allein aufgewacht nach einer viel zu kurzen Nacht. Ich habe Liter um Liter Ayran getrunken, ich habe gestrickt, ich habe Hunger von Hamsun mehr überflogen als gelesen, bin von Wortgruppe zu Überschrift gehüpft. Noch nicht ausgepackt. Nur was ich gebraucht habe. Also doch fast alles, denn ich hatte nur so wenig mit, aber der Rucksack liegt noch da und erinnert mich an die Reise, der Kalender noch darin, den ich bis jetzt noch nicht verwendet habe. Ich weiß, was ich heute mache, auch die Sachen für gestern wurden per Kurzmitteilung geregelt, erst ab Montag, wenn die Woche der Bibliotheksöffnungszeiten, Geschäftsöffnungszeiten, Praxisöffnungszeiten wieder anfängt, brauche ich wieder Termine. Nicht, daß ich meinen Kalender nicht mag. Er ist auch eine Art Ereignistagebuch, die Treffen, Briefe, Telefonate der kalenderlosen Zeit trage ich immer nach, damit ich weiß, was war, nicht in der Erinnerung die Zeit zu einer leeren verschwimmt, wenn ich in einem Kalender blättere – auch wenn ich weiß, daß die ganz ereignisreichen Zeiten den Kalender immer leer lassen. Der Monat in Venezuela, in Carácas, in den Tropen beim Workcamp, in einer Gastfamilie die eine Kaffeefarm hatte, auch am Strand zuletzt in einem stillgelegten Wasserwerk voller Pflanzen und Bücher, war so ereignisreich, daß ich sie niemals hätte nachtragen können. Auch so ereignisreich für mich. Jede Woche hat mich so verändert, daß ich die nächste anders wahrgenommen habe, und in der Rückschau bleibt nur dieses Fazit, nicht mehr die einzelne unterschiedliche Wahrnehmung.
Es gab viel Sonne letzte Woche, bei Augsburg regnet es nicht so viel wie in München, die Berge sind weiter weg, meine Schultern sind noch dunkler geworden, meine Haare noch heller, meine Schultern ein bißchen entspannter vom Schwimmen im See, immer hin zur Insel und wieder zurück, das mir gar nicht langweilig wurde. Ich habe keine neuen Worte gelernt. Ich habe nichts aus einer anderen Sprache gelernt. Ich habe nicht versucht, mit den Italienern auf Spanisch, mit den Ungarn auf Finnisch, mit den Slowaken auf Deutsch zu reden – ich habe mich aufs Lächeln und Gestikulieren beschränkt. Ich habe nicht gelesen und kaum geschrieben (immer nur einzelne Sätze die ich mir unbedingt merken wollte, nicht von mir, sondern, die andere ausgesprochen hatten), aber ich habe viel vorgelesen, mit dem Mikrofon in der Hand, nicht unbedingt in Gedanken beim Text, sondern daran, möglichst schnell von der Bühne wieder runterzukommen, aber offenbar hat gerade diese meine Gedankenferne den Zuhörern eine große Nähe zum Text erlaubt.
Nähe sonst? Nicht wie ich sie kenne.Trotzdem vorhanden, auf eine mir unbekannte Art. Das beschäftigt mich ja noch so. Ich bleibe da noch.
Zensur in der frühen BRD 9. Juli 2009
Posted by echtzeitmaerchen in gehört.Tags: Briefe schreiben, Deutschlandradio, Link, Ostdeutschland, Osteuropa, Zensur, Zitat
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Jammern? 24. Januar 2009
Posted by echtzeitmaerchen in Tagebuch, gefragt, gelebt.Tags: Briefe schreiben, Tagebuch, Wetter
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Dabei ist so schönes Wetter. Leider immer nur so kurz am Tag. Diese Woche war seltsam. Als hätte ich alle meine Kraft gespart und gestreckt und verwandt bis zu dem Gespräch am Montag auf das die Anstrengungen der letzten Monate hinausliefen, und dann war die Kraft weg. Briefe schreiben, für die Uni arbeiten, den dringend benötigten Wasserhahn besorgen, nachdem der jetzige seit der Sylvesterpause nicht mehr nur tropft, sondern permanent läuft, was ich mit einer Konstruktion aus Vase und Schwämmen wenigstens geräuschlos zu machen versuche, um schlafen zu können.
Keine Kraft für gar nichts, aber heute bin ich immerhin wieder in der Uni, überfliege die emails, ob da wichtige Arbeit drin ist, und vielleicht besorge ich nachher noch den Wasserhahn. Über so etwas freue ich mich zu Zeit das ich es schaffe.
(eingeklammert) 20. Januar 2009
Posted by echtzeitmaerchen in Tagebuch, gedacht, gefragt.Tags: Alleinsein, Bibliothek, Briefe schreiben, Chance, ernst, Gedanken, hilfe, Mißtrauen, Planen, sortieren, Stricken, Tagebuch
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Letzen Donnerstag saß ich, da fühlte mich stark, ernst und traurig, aber stark und handlungsfähig, und fing an zu arbeiten. Ich erstellte eine Struktur und einen Plan, alles verfestigte sich. Wie das Ergebnis der letzten Wochen: Ernst und stabil, setzte ich mich hin und die Tat um was ich wollte.
Dann kam Freitag. Acht Uhr morgens. Der Besuch in einem Zimmer mit Teppich in Schwabing bei einer fremden Frau, nie zuvor gesehen. Die mir sagte, ich sei zu mißtrauisch als daß für mich eine Chance bestehe daß ich Hilfe bekäme. Chancenlos. Worte einer Frau die kaum Worte von mir gehört hatte, aber voller Vehememenz sprach und der grundsätzlich Autorität zukam, denn sie muß kompetent sein.
Wochenende: Allein gewesen, aufgeräumt, Briefe geschrieben, gestrickt, die Hessenwahl und der chaotische Versuch, die Telefonanlage zu installieren, und jetzt sitze ich wieder hier, in der Bibliothek, und schreibe wieder nur Fußnoten, anstatt dem Ganzen endlich eine Struktur, ein Rückgrad zu geben, weiterzukommen.
Ein neues Dokument in dem ich die Struktur festhalte die ich am Donnerstag entworfen habe. Schon wieder ein neues Dokument. Noch.
Ich bin zu arbeitsfähig, um mich zu verkriechen, aber doch wieder zu eingeknickt um wirklich dran zu sitzen, die Gedanken nicht zwischendurch im zerklüfteten Hirn zu verlieren.
Bilanz zwischen den Stühlen 9. Juni 2008
Posted by echtzeitmaerchen in München, Tagebuch, gedacht, gefragt, gehört, gelebt.Tags: analog, Belle & Sebastian, Bilanz, Briefe schreiben, Fragen, Freiheit, Freundschaft, Isar, Kopfweh, Lebenskozept, Maia Hirasawa, Männer, München, Nähe, Offenheit, Papiertagebuch, poney express, Raum, schwarzer Tee, Tagebuch, Vorstellungen, Weltbild
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In letzter Zeit habe ich wenig in mein gebundenes Papiertagebuch geschrieben. Die letzten vier Einträge sind nur Listen, was alles gerade gut läuft, im Fließtext oder in Spiegelsstrichen. Davor ist die Mitschrift von der Fortbildung. Es gibt natürlich einen Grund, warum ich alles aufschreiben muß, was gut ist. Weil ich mich zwischendurch gefühlt habe wie das Almühltal, gefüllt mit einem Hochwasserstand von Unglück (die Isar hat auch gerade Hochwasser und schwappt bis an den Rand wo ich immer sitze und die Füße ins Wasser hängen lasse, aber die Isar ist einfach ein sehr kleiner Fluß, zu klein für meinen Unglückvergleich). Dann kamen ein paar ruhige, gute Wochen, in denen ich mich möglichst davon fernzuhalten versucht habe, nachzudenken, damit ich nicht wieder unglücklich werde.
Und dann kam eben die letzte Woche mit Streß pur. Drei Tage lang eine Schulklasse mit seit Jahren tief verwurzeltem Konflikten, und zwar alleine, eine für mich komplett neue Situation. Und solcher Haß war für mich auch neu: „Nein, ich will nicht mit ihr reden, ich will sie verletzen, denn sie hat mich auch verletzt, und wie stehe ich denn sonst da?“ Also, die Argumentation kenne ich schon, aber daß jemand da drei Tage drauf beharrt und versucht das auch umzusetzten wenn er nicht gerade seine anderen Mitschüler verprügelt, beleidigt oder sich oder Stühle oder Flipcharts durch die Gegend wirft, das kannte ich nicht. Dieser Junge hatte eine wahnsinnige Ausstrahlung, er war sehr präsent mit seinem Haß und seinem Wunsch, alle und alles zu verletzen.
Ich hätte schon einige Ideen gehabt, damit zu arbeiten, aber dazu hätte ich einen Co-Teamer gebraucht, alleine ging es immerhin einigermaßen, es gab einige kleine Fortschritte, dafür daß sie erstaunlich viel nicht konnten, konnten sie dann doch wieder erstaunlich viel, aber diese haßerfüllte Stimme geht mir noch nach. Das wollte er wahrscheinlich auch. Er schleudert ja seinen Haß durch die Welt um zu zeigen, hey, ich bin auch noch wichtig, es geht nicht an daß es mir schlecht geht, das ist nicht gut, das muß ich zeigen.
Auf jeden Fall habe ich von Freitag Nachmittag bis Samstag früh geschlafen.
Am Samstag war Team-Tag, und das war schön. Da hat sich tatsächlich inzischen eine Gruppe zusammengewachsen, die als ganzes fast so ist wie ein Freund: Da kann ich einfach so sein wie ich bin und das ist gut so, und ich glaube, den anderen geht es auch so (zumindest denen die nicht ganz neu sind, denn die sind vermutlich noch unsicher). So viel Nähe mit JN. Ich verstehe immer noch nicht, warum dieses Gefühl seit mittlerweile anderthalb Jahren so intensiv ist, daß es mich jedes Mal aus den Socken haut, wenn ich ihn sehe. Es fühlt sich sehr gut an, und jedesmal bin ich traurig, über jede Woche in der ich ihn nicht sehe. Mittlerweile ist ziemlich viel zwischen uns klar und auch passiert, das schafft vermutlich mit diese Nähe, aber mindestens ebenso viel ist unklar. Ich habe es vermieden, mit ihm allein zu sein, obwohl er es konsequent darauf angelegt hat, ich weiß nicht, wieso. Ich bin so unsicher ihm gegenüber, nach allem was passiert ist, nach allem was ich nicht verstehe. Warum klappt es nie, daß wir uns außerhalb treffen? Trotzdem ist es wunderschön, von ihm gefragt zu werden, egal was, wie es mir geht, was ist, es ist egal, er ist dabei immer ganz nah, seine Augen sind sehr aufmerksam, und ich konnte nicht mehr sagen als: Ich habe Kopfschmerzen, ich bin total alle, die letzten Tage waren total anstrengend. Er hat dann am Ende noch seine Reisepläne fürs Wochenende umgeschmissen um mit mir zur S-Bahn zu gehen, und ich habe S, der zu einem anderen Bahnhof gehen wollte, tatsächlich noch dazu überredet, daß er doch mit uns kommt und ich nicht mit JN alleine war. Vielleicht mache ich das alles nur, damit ich mir einbilden kann, wenn ich es nicht so verhindern würde, würde etwas passieren. Trotz allem würde ich es mir sehr wünschen. Trotzdem ich dieses starke Gefühl überhaupt nicht verstehe. Mein Verstand kann es nicht verstärken, ich weiß nicht, ob das alles Sinn macht oder paßt, es ist nur dieses überwältigend starke Gefühl, und das schon so lange.
Auf der anderen Seite A macht natürlich vollständig Sinn, mein Verstand kann an alles seine Häkchen machen. Ich habe ihn gestern getroffen. Das erste Mal seit langer Zeit. Anfangs war es sehr nett und schön und ich mochte ihn wieder richtig gerne, und dann, in den letzten Minuten, bevor er in seine Tram steigen mußte, sprach er über unser Verhältnis, und diese kurzen paar Minuten haben mich total verwirrt und verletzt, nicht was er gesagt hat, sondern wie er es gesagt hat. Ich mag die Art nicht, in der er mich mag. Das ist komisch, oder? Denn ich mag ihn sehr und es ist schön, daß er mich mag, aber sein Leben scheint mir so festgefügt zu sein, ein Regelwerk, nicht von den äußeren Umständen, die sind nicht besonders stabil (das ist vielleicht die Ursache), sondern vom Konzept her, von dem was er anstrebt und gut findet, alles hat seinen Platz. Es gibt genau eine Art, Pfannkuchen zu backen. Und man braucht genau eine Pfanne in der Küche. Und es gibt genau ein Gefühl, das ein Freitagsfilm (also ein Film, den man an einem Freitag ansieht) auslösen soll. Und ich habe das Gefühl, daß ich da auch irgendwo reinpasse. Und er das alles genau so genießt.
Ich übertreibe natürlich. Er ist schon flexibel, bei vielen Dingen, aber es scheint trotzdem immer ein Nonplusultra zu geben, und wenn das erreicht ist, sagt er das auch. Über solche Vorstellungen redet er viel. Und es ist das Gefühl, das ich dabei habe, ich fühle mich nicht mehr frei, obwohl ich auch nicht besonders eingeschränkt bin, denn es paßt ja alles so wunderbar.
Ich frage mich, ob ich solche Ansätze auch habe. Ich glaube, schon. Ich habe meinen einen Tee, den ich immer trinke. Ich liebe bestimmte Kombinationen: Musik hören, Lesen, auf dem Bett, an der Isar. Meine Briefe gestalte ich recht starr (wenn auch äußerlich immer anders), aber wenn sie bestimmte Kriterien nicht erfüllen, schicke ich sie nicht ab, darunter leiden meine Freunde, an die sich unfertige Briefe in meiner Briefmappe stapeln, die noch nicht meinen Ansprüchen genügen.
Lasse ich anderen dabei genügend Raum, sie selbst zu sein, da nicht reinzupassen, nicht in meinem Lebenskonzept aufzugehen?
Berührt mich das so an JN? Es paßt nicht ins Konzept, aber es ist wirkliche Begegnung und vielleicht eben gerade deshalb?
Nein, auch meine Freunde, die in mein Lebenskonzept passen (die auch Tee mögen und Briefe und Bäume
)(so eng ist das Konzept ja nicht) (oder doch? Sind unsere Vorstellungen nicht letztlich doch immer so konkret daß sie wenig Offenheit besitzen und immer wieder zu Mißverständnissen führen weil wir uns in unserer Eingeschränktheit so sicher sind?) und die ich sehr mag.
Nun bin ich also nach diesen Tagen: Verwirrt und traurig. Und höre Poney Express, eine Mischung zwischen Maia Hirasawa und Belle and Sebastian, und zwar auf französisch. Es trägt meine Gefühle schon die letzten fünf Tage, immer weiter, habe ich das Gefühl, es ist ein wirkliches Tragen daß diese Gefühle brauchen um zu leben. Mich hat schon lange nicht mehr Musik so ins Leben entführt, in mein Leben, denn ich bin überzeugt, daß das da ist wo meine Gefühle sind.
Einfach so 28. Mai 2008
Posted by echtzeitmaerchen in Tagebuch, gefragt, gelebt.Tags: Abschied, Aussprache, Besuch, Briefe schreiben, Farben, Tagebuch
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Es geht mir wieder gut- Überraschend rief K gestern am Abend an (dessen Abschiedsbrief am Morgen im Kasten lag), ich war gerade bei der Geburtstagsfeier von T, und er war für einen Tag nach München gekommen, wir trafen uns von elf abends bis zwei in der Nacht, und es geht mir wieder gut. Es war keine Neuaufnahme, nur eine Aussprache (die mir mit Y, der überraschen am Sonntag im Gottesdienst auftauchte, im knalltürkisen Sweater bis heute fehlt), und es geht mir genauso unerklärlich wie es mir zuvor schlecht ging gut. Die bunten Farben in meinem Posteingang freuen mich, ich freue mich über die Menschen die mich besuchen, über die Anfragen im Beruf, das was mir vorher so dünn und wenig tragfähig erschien. Ich verstehe es jetzt genauso wenig wie zuvor.
Vielleicht, 8. Mai 2008
Posted by echtzeitmaerchen in München, Tagebuch, gedacht, gefragt, gelebt, gelesen.Tags: Briefe schreiben, Erzählen, Fahrradfahren, Farben, Frühling, Gottesdienst, Isar, Licht, Männer, München, Nähe, Sinn, spazieren, Tagebuch
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vielleicht wird ja noch alles gut. Das ist schon etwas besser. Es ist so ein wunderschöner Frühling. Wenn ich mit dem Fahrrad an der Isar entlangfahre, bricht über mir und von allen Seiten das Grün auf mich herein, aufeinander zu, in den unterschiedlichen Farbtönen die das Licht hervorruft je nach Art des Baumes und der Dichte der Blätter und der Spiegelung im Wasser und dem Zug der Wolken.
Ich fahre durch die Stadt. Sie ist so klein. Sie ist so vertraut. Ich weiß wo alles ist – ich weiß wo ich bin und ich finde je mehr ich suche: Eine gute Ärztin. Einen Buchladen der all das schon da hat, was ich nur bestellen wollen könnte. Meine Freundin Ve wohnt über die Brücke.
Früh am Himmelfahrtstag rief sie an um mich zu fragen wohin ich in die Kirche gehe. Dann waren wir in St. Maximilian, ich das erste mal seit einem Jahr wieder. Das ist diese große, eckige (neo-romanische) Kirche, die man von überallher an der Isar sieht, südlich des Deutschen Museums. Danach waren wir Kakao trinken, Spazieren im Viertel , in einem Café Mittagessen, an der Isar. Sie kennt die Gegend noch besser als ich, und ich entdecke immer mehr. Und bin viel an der Isar. Zumindest am Ufer. Aber immer noch zu wenig.
Es ist so viel passiert an diesen Tagen. Da war eine Fortbildung, und da war wieder unglaublich viel Nähe zu JN, die sich wieder (unglaublicherweise) nicht in Kontakt umgegossen hat, nur in ein paar sms und emails, aber ob wir uns je mal treffen werden? Ich meine, so … Aber es hat mich trotzdem sehr glücklich gemacht. Das ist das Komische mit ihm. Ich könnte im Moment nicht mal sagen, ob ich verliebt in ihn bin, mit dem ganzen Chaos in der Hinsicht in dem ich mich momentan befinde, aber in seiner Gegenwart bin ich immer glücklich. Und je mehr ich ihn kennen lerne, desto mehr mag ich ihn. Und das schon seit eineinhalb Jahren. Er hat immer nur Fernbeziehungen gehabt. Er steuert das immer genau so hin, daß es sich wieder so ergibt, obwohl er es nicht bewusst will. Ich will nicht sagen, daß ich überhaupt je eine Chance bei ihm habe, aber vielleicht (siehe Überschrift) ergibt sich etwas, wenn er im Sommer ins Ausland geht.
An diesem Himmelfahrtstag habe ich einen Brief angefangen, der der längste wurde, den ich bis jetzt geschrieben habe (vierzig Seiten). Er ging an K, der mich ja schon kennt seit ich Kind bin. Wir erzählen und erklären uns gerade in Briefen und emails (er auch in sms) unser Leben, und das ist sehr berührend.
Meine Freunde haben das meiste ja miterlebt, und ich habe mein Leben immer zeitnah erzählt – und schon lange nicht mehr alles so zusammengeschaut. Es ist besonders, das alles neu einzuordnen, zu werten, in Beziehung zu setzen – jemandem gegenüber, der mich schon so lange und auch meine Familie kennt, und ich seine, natürlich. Auch wenn es mir manchmal Angst macht weil es so nah ist.
Die Fortbildung war übrigens über Systemisches Arbeiten. Ich bin öfter rausgegangen, um zu weinen. Und danach habe ich furchtbar viel für meine inzwischen fünf Professoren gearbeitet. Unianfang und alle wollen gleichzeitig etwas. Und ich frage mich, was das eigentlich alles für einen Sinn macht. Es ist schon ein einigermaßen befriedigendes Gefühl nach einem Tag umgeben von Newmanwerken die richtigen Stellen für die Neuveröffentlichung auf Englisch gefunden zu haben, aber draußen blühen die Kastanien – und das ist auch meine temporäre Lösung: Ich arbeite und versuche die Zeiten dazwischen mit so viel wie möglich Fahrradfahren durch München zu füllen. Es ist für jetzt genug Sinn. Und ansonsten lebe ich für ein Vielleicht.
Freitagnachmittag 11. April 2008
Posted by echtzeitmaerchen in gedacht, gefragt, gelesen.Tags: Briefe schreiben, Hotel New Hampshire, Männer, Ruhe, Tagebuch
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ich sitze wieder im Büro, meinem Lieblingsbüro, nicht dem doofen in dem ich immer so unglücklich werde und in dem ich gestern saß, juchhu, die Arbeit dort ist (vorläufig) geschafft! dafür liegt hier ein Stapel Seminararbeiten neben mir. Einer meiner Profs hat mich kurzfristig an einen anderen Prof ausgeliehen, weil der gerade so viel Arbeit hat. Komm mir ein bißchen vor wie bei einer Leiharbeitsfirma, weiß nicht so ganz, wie ich das finde: Ist schwer zu planen so, und: Will der mich nicht mehr? Oder: Schätzt der mich so, daß er glaubt, daß ich das alles kann (Seminar mit anbieten …)?
Kann WordPress jetzt auch endlich wieder eingebene Absätze? Mal ausprobieren! Die ganze Benutzeroberfläche ist ja so relauncht, daß ich ganz erschrocken war.
Oh ja, A. hat zurückgeschrieben. Und K hat mir Fotos von sich geschickt, die mich erschreckt haben. Ja, er ist noch derselbe liebe Mensch, aber ich muß das jetzt langsam mal abbrechen. Er schreibt, unsere Geschichte erinnere ihn an „Hotel New Hampshire“ von Irving, und er hat mir das Buch auch gleich geschickt. Ob ich dazu komme, es zu lesen? Gerade wächst mir das alles über den Kopf hinaus. Ja, es ist schön! Aber es ist und bleibt trotzdem verboten! Es hat mir Kraft gegeben und Mut gemacht zum Leben, und das ist es, was ich jetzt gerade dringend brauche, daran glauben, daß die Welt … ja, was eigentlich? Das ich es schaffen kann in der Welt, daß es sich lohnt, loszugehen. Nach den Wochen wo ich morgens kaum aufstehen konnte weil ich so weinen mußte, war es jetzt eine Woche hier, in der mich Sorgen und Ängste nicht bedrückt haben, in der ich mich beschützt und geliebt wußte, wußte, daß ich schon irgendwie so in Ordnung bin, auch wenn meine Eltern das nicht finden, daß ich keine Angst vor mir haben muß wie sie das haben.
Ich habe geglaubt, daß man mich lieben kann. Und habe mich darum bei A getraut. Es ist wunderschön, so geliebt zu werden, und es war, auch wenn es nicht hätte sein dürfen, die beste Nacht meines Lebens, und ich weiß, wenn er mich im Mai besuchen kommen wird, wird es noch schöner werden, aber ich werde nicht da sein, denke ich, wenn mein Verstand mich nicht völlig im Stich lässt. Es ist toll: Jemand der alles annimt und schätzt, was ich bin, der mich kennt, der mich schwach, der mich verletzlich und unsicher kennt, wütend, verzweifelt, häßlich, eingebildet, dumm, alles, der mich schon seit Jahren kennt. Und mich mit allem, komplett, faszinierend findet. Und der noch dazu klug und lieb und großzügig und zärtlich und freundlich und ehrlich und ungeheuer anziehend ist. Aber so langsam gewinnt das schlechte Gewissen die Oberhand und natürlich daß er zu alt ist und keine Kinder zeugen kann. Komische Gedanken, oder? Das war es, was mich an den Fotos so erschreckt hat: Das ist nicht meine Welt, auch wenn ich ihn unglaublich mag. Und ich weiß auch vollkommen sicher, daß A viel besser zu mir paßt, nicht nur weil es eine Zukunft hat. Aber trotzdem waren meine Gefühlefür K stärker, sie haben mich vollkommen irrational umgehauen und Schachmatt gesetzt. Aber ich glaube, es wird langsam besser.
Dieses Wochenende ist er verreist (und A hat Besuch von seinen Eltern), er hat Stifte mitgenommen und will mir einen Brief schreiben und etwas zeichnen, meine Musik hören und an mich denken und ich – sitze hier in der Uni, habe Ruhe, habe Licht (und auch Kopfschmerzen wegen des Föhns der uns hier mit Frühsommer überzieht) – und beantworte seine vier langen emails nicht, die er gestern abend und heute früh geschrieben hat (die anderen habe ich jetzt endlich alle beantwortet außer dem Abschnitt über Schuld). Ich mache es einfach nicht. Es ist mir grad zu viel.
Ach herrje.
Irène Némirovsky 17. März 2008
Posted by echtzeitmaerchen in gedacht, gefragt, gelesen, im Regal.Tags: 1942, Auschwitz, Autoren, Briefe schreiben, Erzählen, Europa, Fragment, Frankreich, Irene Nemirovsky, Krieg, Literatur, Nemirovsky, Osteuropa, Post, Roman, Sprache, Vorkriegszeit
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Schreibe sehr viele Briefe. Es ist gut, genug Geld zu verdienen – ich setze es in Briefmarken um. Heute wieder drei eingeworfen und ein Paket abgeschickt (mit der deutschen Post drei Eurpo billiger als mit Hermes – warum schwören nur alle auf Hermes?), am Samstag drei, im Verlauf der Woche drei andere – ich lese gerade das nicht vollendete Fragment von Irène Némirovsky. Sie war eine der großen Autorinnen Frankreichs vor dem zweiten Weltkrieg, und sie schreibt überaus gut. Ihr letzter Roman entwirft das Bild des sich demütigenden Frankreichs der Vichy-Regierung. Die Art der Präsenz Sarkozys im Kopf, der wie sie Kind osteuropäischer Einwanderer in Frankreich ist, aber nicht Kind einer Oberschicht sondern um Anerkennung suchend, das Verhältnis von Frankreich und Deuschtland, jetzt in der EU, geht mir durch den Kopf während ich mich lesend im unterlegenen und unterworfenen Frankreich befinde, aus dem Irène Nemirovsky trotz Kontakten in die höchten Kreise der Regierung und einer Fülle von Empfehlungen und Bemühungen ihres Mannes, ihres Verlages, im Juli 1942 nach Auschwitz transportiert wurde, wo sie an Goethes Geburtstag starb. Ich bin bedrückt und berührt und zeitlich woanders, literarisch in der Sprache und Welt vor dem Krieg, oder viel mehr als der Krieg noch war wie in „Krieg und Frieden“ – literarisch volles Erzählen über die Brüche der Menschheit, ohne die Brüche der Perspektive die wir von heute kennen. In den mitveröffentlichten Notizen zur weiteren Planung des Romans betont sie immer wieder, das Hauptsujet sei die Spannung (sie nennt es „Kampf“) zwischen dem Schicksal des Einzelnen und dem Massenschicksal. Das ihres wurde.